Die Schriftensammlung des Preußischen Bleisatz-Magazins ist, streng genommen, einerseits eine verkaufsunterstützende Maßnahme, andererseits eine reine Fleißaufgabe. Denn jeder Interessent einer Bleisatz-Schrift, egal, ob Laie oder erfahrener Buchdrucker, möchte gern alle verfügbaren Figuren der Schrift sehen. Und? Es gibt doch dutzende von Angebote im Weltnetz, wo man sich Schriftmuster anzeigen lassen kann oder sogar, wie bei den „Foundries“ (Plural von Foundry), also den Herstellern digitaler Fonts, die die phantastische Möglichkeit bieten, einen eigenen Text auf ihrer Netzseite einzugeben und sie in einer beliebigen Schrift aus dem Angebot der Foundry darzustellen KLICK. Und dann ist da ja auch noch Lars Kähler, digitaler Helfer des in unserer Branche mit Respekt gehandelten Sammler Hans Reichardt. Die beiden zeigen auf Global Type mehr Hamburger, als McDonald je kreiert hat. Und dann gibt es auch noch die etwa 14 oder 16 Hauptproben der Schriftgießereien. Bibliophile Kostbarkeiten, für die Schriftenverrückte ihr letztes Hemd hergeben.
Beim Überfliegen des vorherigen Absatz merke ich: Das ging zu schnell. Das versteht niemand, der nicht tief in der Materie drin steckt. Also noch einmal ausführlicher:
Für meine Schriftensammlung setze ich von jeder Schrift, die dort noch nicht gezeigt wird und über eine Setzerei-Übernahme hereinkommt, einen kompletten Zeichensatz ab und erstelle einen Andruck, den ich dann scanne und in die Schriftensammlung integriere. Auf diese Weise kamen bisher etwas über 500 Abbildungen von Zeichensätzen zusammen — es gibt so etwas ansonsten nicht. Es gab so etwas — Schriftgießerei übergreifend — auch noch nie. Diese Schriftensammlung ist also einmalig. Ursprünglich entstand die Idee aus der Notwendigkeit, den Interessenten im Online-Magazin nicht nur den Schriftschnitt, sondern eben auch eine kompletten Zeichensatz zu zeigen, um deren Kaufentscheidung positiv zu unterstützen. So etwas war und ist üblich beim Verkauf von Schriften.
Die modernen Schriften-Anbieter ermöglichen sogar die Eingabe eigener Texte, die man dann in jeder gewünschten und angebotenen Schrift darstellen kann.
Problem (bezogen auf den Bleisatz): Diese Schriften-Anbieter führen natürlich nur digitale Schriften und keine Bleisatz-Schriften. Und auch, wenn die digitale Schrift auf einer Bleisatz-Schrift beruht, also von einer solchen digitalisiert wurde, so ließen und lassen es sich die Schriftgestalter dieser Foundries natürlich nicht nehmen, die alten Bleisatz-Schriften zu „verbessern“. Als könne man Paul Renners oder Rudolf Kochs Werke verbessern... aber das ist ein anderes Thema, mit dem ich mich gelegentlich unbeliebt machen möchte.
Bei der Recherche und Klassifizierung von Bleisatz-Schriften ist dann Lars Kähler und sein Netzportal Global Type eine große Hilfe. Lars hat ein System zur Recherche entwickelt und dazu den „Seemann“, das ist ein Handbuch für Bleisatz-Schriften und für jeden Sammler unabdinglich, eingescannt. Problem: Der Seemann hatte Mitte der Zwanziger Jahre die sehr gute Idee, sich von allen Schriftgießereien Musterzeilen von deren Schriften schicken zu lassen. Man wählte dazu ein Musterwort: Hamburg — manchmal auch Hamburger. Ein eher ungewöhnlich schlechtes Wort, um Schriften zu recherchieren. Man orientiert sich gern an bestimmten Lettern wie z.B. dem Q, R, W, an den Gemeinen b, f, g, h, q, y und dann natürlich auch an den Ziffern. Alles das gibt es nicht beim Wort „Hamburg“. Aber so ist er halt, der Seemann. Man ist ja schon froh, wenn man wenigstens dieses Wort hat, um es mit der eigenen, unbekannten Schrift zu vergleichen. Letztendlich empfinde ich allein ein „Hamburg“ oft als unzulänglich zur Klassifizierung einer Schrift.
Bleiben die Original-Schriftenkataloge der Schriftgießereien, die Hauptproben. Diese sind sehr selten und sehr teuer. Was einen Verrückten (und davon kenne ich etliche einschließlich mir selbst) nicht davon abhält, solche Hauptproben zu erwerben. Aber auch in der damaligen Zeit gab es Anlaß, die Rechte an den Schriften vor Reproduktion zu schützen. Also veröffentlichte man zwar Textmuster, aber nur in den seltensten Fällen komplette Zeichensätze. Und nur die können eine Schrift komplett zur Beurteilung zeigen. Also helfen mir Hauptproben zumeist ungemein, um die Anmutung einer Schrift zu erkennen, aber nicht, um unbekannte Schriften zuverlässig zu klassifizieren. Wobei... Praktiker, also produzierende Kollegen der Druckvorstufe, bevorzugen natürlich genau solche Muster-Texte und Anzeigen. Das ist nachvollziehbar, ich selbst habe halt ein sehr spezielles Anliegen an Schriften. Ich will sie nur verkaufen.
Mein Vorbild — ich erwähnte es bereits in einem anderen Tagebuch-Eintrag — war schon immer Georg Kandler und sein zweibändiges Werk „Erinnerungen an den Bleisatz“. Er war Berufschullehrer in Braunschweig und er zeigt in seinen zwei Büchern ausschließlich komplette Zeichensätze von Bleisatz-Schriften — insgesamt wohl um die 300 Beispiele. Seine Idee habe ich verstanden und übernommen: Meine Schriftensammlung ist ein Nachschlagewerk — nicht mehr, nicht weniger. Ganz sicher sind mir ein paar Fehler unterlaufen — falsche Jahreszahlen etc. Aber damit kann ich gut leben. Und ab und zu findet auch einmal ein Kollege einen Fehler, den ich dann korrigiere.
Lange Zeit träumte ich davon, die Schriftensammlung als gedruckte Ausgabe erscheinen zu lassen. so habe ich vor zwei Jahren einmal einen Auszug mit ca. 200 Andrucken im Format 30 cm x 30 cm in einer Schatulle an den Hermann Schmidt Verlag in Mainz geschickt. Falls Sie die typographischen Werke dieses Verlage noch nicht kennen, dann sollten Sie sich deren Netzseite unbedingt einmal anschauen. Hier wurde wirklich jede Neuerscheinung mit Liebe und Fachkenntnis gestaltet. Herr Bertram Schmidt-Friderichs überzeugte mich dann in einem Telefonat, daß eine Lose-Blatt-Sammlung in einer Schatulle, die ausschließlich die Zeichensätze der Schriften inklusiv ihrer Legende zeigt, zuwenig Nachfrage in der doch überschaubaren Welt der Typographie-Interessierten finden würde. Und er schlug vor, mehr zu zeigen als nur die Zeichensätze. Der Verlag hat auch das Buch „Fraktur mon Amour“ von Judith Schalansky herausgegeben. Ein ungemein spannendes Werk über Fraktur-Schriften, sehr eigenwillig und modern gestaltet und durch diesen Gegensatz der alten Schriften und der modernen Typographie äußerst reizvoll. Die Aussage des Fachmanns war ganz sicher goldrichtig. Aber nicht das, was ich wollte bzw. will. Ich möchte, wenn, dann ein schlicht gehaltenes Nachschlagewerk, in dem wirklich nichts ablenkt von der Schönheit der dort abgebildeten Schriften. So platzte dann halt mein Traum, Autor eines Bleisatz-Nachschlagewerkes zu werden. Wer weiß, wozu es gut war. :-)