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Was ist eigentlich eine „Nudel“?


28.11.2009

 Eine „Nudel“ ist die kleinstmögliche Verbesserung zur Erstellung eines Korrekturabzuges gegenüber einem Bürstenabzug. Wir erinnern uns: Beim Bürstenabzug färben wir die Druckform manuell ein, legen einen angefeuchteten Druckbogen vorsichtig auf die eingefärbte Druckform und streichen nun mit einer breiten, weichen Bürste sanft das Papier. Mit ein klein wenig Glück — oder alternativ der notwendigen Erfahrung — bekommen wir so einen leserlichen Korrekturabzug. Mehr soll es auch gar nicht sein. Was uns Wikipedia als Definition eines Bürstenabzuges anbietet, ist allerdings schierer Unsinn. Wie sage ich immer? „Bei Wikipedia hat immer der recht, der zuletzt editiert hat.“ Wie will man denn von einem Druckzylinder aus der Rotation einen Bürstenabzug herstellen? Das soll man mir bitte einmal zeigen. Da muß im Fehlerfall ein neuer Zylinder gegossen werden. Und auch bei den Flachzylinderpressen gilt:

 Wird dort nach dem ersten Andruck tatsächlich doch noch ein Fehler gefunden, obwohl der Satz zuvor mindestens dreimal korrekturgelesen wurde, dann auf jeden Fall bei der Maschinen-Revision. Damit bezeichnet man den ersten Andruck, der die Druckmaschine verläßt. Hier wird der Stand überprüft (gerade beim Druck im Mehrfachnutzen ist das ungemein wichtig) und im Buchdruck wurde immer auch überprüft, ob alle Satzelemente gleichmäßig druckten. Oft genug mußten Linienanschlüsse nachgebessert werden, weil sie durch auftreibendes Material blitzten. Oder einzelne Lettern waren defekt und mußten ausgetauscht werden. Um Zeit zu sparen, wurde die große Druckform im Schließrahmen dann nicht noch einmal aus der Maschine herausgeholt, sondern nur der Druckschlitten nach vorn gefahren und die Schließzeuge gelöst. So konnte der Setzer dann arbeiten. Das war die Maschinenrevision. Also... glauben Sie nicht alles, was bei Wikipedia steht, bitte.

Ich habe einmal ein paar Abbildungen von Nudeln herausgesucht, die im Laufe der letzten Jahre irgendwann einmal hier im Magazin standen. Wie sie sehen, ist das Grundprinzip immer dasselbe: Es gibt ein schweres, gußeisernes Druckbett, meist mit einem Format nahe DIN A3. Dort hinein legt man die ausgebundene Satzform. Mit Druckerstegen positioniert man sie dann dann so, daß der Andruck später ungefähr mittig auf dem Druckbogen steht. Eingefärbt wird die Satzform auch hier manuell. Man nimmt eine einfache Färbewalze, verreibt auf einer glatten Unterlage, z.B. einem Lithostein oder ähnlichem die Farbe und färbt dann mit der Walze die Satzform ein.

 Legt dann den Druckbogen vorsichtig auf die eingefärbte Form und zieht dann den Schlitten mit der Andruckwalze über die eingefärbte Form. Die Walze im Schlitten dient also ausdrücklich nicht zum Einfärben der Form. Wohlgemerkt: Eine „Nudel“ wurde nie zum Druck von Auflagen genutzt, sondern diente immer nur zur Erstellung erster Korrekturabzüge. Und wer immer es sich leisten konnte, hatte dann auch bald eine Andruckmaschine, bevorzugt eine Korre oder ähnliches.

Die Preise solcher „Nudeln“ liegen zwischen 250—380 Euro. Das hängt mit dem Format zusammen und vor allem mit dem Zustand, in dem sich das Gerät befindet. Derzeit haben wir eine sehr gut erhaltene „Nudel“ im Angebot. Es ist die im dritten Bild und hier ist das Angebot. Sie war bis vor drei Monaten noch in täglich in Betrieb, deshalb ist sie so wohlgepflegt. Naja, und genau deshalb ist sie auch teurer als die auf dem Bild zwei war.

 Und was ist das hier für ein famoses Teil? Die ist aber bestimmt älter als die anderen „Nudeln“ — ein tolles Teil! Ehm. Ja, stimmt alles. Diese Maschine stammt aus der Zeit um 1910, sie sieht toll aus mit ihren schmiedeeisernen Verzierungen. Ich habe sie als Schnäppchen beim Stöbern auf Ebay entdeckt und sofort gekauft, bezahlt und abholen lassen. Und da ich, wie jeder Händler, immer ein paar spezielle Kundenwünsche im Hinterkopf hatte, gingen auch schon die Photos an einen Kunden heraus, der begeistert war und sofort kaufte. Ein wunderschönes Geschäft. Geld verdient, obwohl das Teil noch gar nicht bei mir war. Besser geht es gar nicht. Als das Teil dann ankam, wurde ich doch etwas skeptisch. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie denn eine Druckform zwischen die beiden Holzwalzen passen sollte. Ob da ein Gummibezug fehlte? Oder ob die Justage verrutscht war und der Anlagetisch verloren gegangen war? Kurz und gut: Ich hatte eine Wäschemangel gekauft, wie mir sehr schnell ein, zwei Kollegen, die ich um Hilfe bat, versicherten. Sie sehen: Auch der Fachmann ist nicht gefeit vor einer Idiotie... :-)


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Kommentare
1.     Warum hat man diese Nudeln eigentlich mit so einer massiven und schweren Stahl(?)-Bodenplatte versehen? Es muß doch auch früher recht grausam gewesen sein, immer 40 kg hin- und herzuschaffen?
  — Sven · 21. 10. 2009 ·
 
2.     Löl... ja eigenetlich kann man sich ganz gut ein paar alte Buchdrucker mit Lederschürze vorstellen, wie sie da Abzüge mit einem Revolutionsaufruf durch die Wäschemangel jagen ;-)
Dir einen Trost: Shit happens. Und nur, wer nicht arbeitet, macht auch keine Fehler.
  — Spitfire · 21. 10. 2009 ·
 
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