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Tannenberg — Jetzt aber wirklich.


28.11.2009

 Eine Epoche prägt eine Schrift.

Die Beurteilung einer Schrift ausschließlich über die aktuelle Vermarktunsmöglichkeit zu definieren, ist ganz sicher falsch. Sie zeugt von Kleinkrämerei, Scheuklappenblick und Fixierung auf rein materielles Denken. Ein solcher Beurteilungsansatz macht Sinn in Bezug auf die Übernahme einer Schrift in die aktuelle Produktion. Hier ist natürlich die Frage wichtig: „Nehmen meine Kunden diese Schrift an? Steigere ich mit dem Erwerb und dem Einsatz dieser Schrift das Neukundengeschäft?“ Fragen, die für einen aktiven Buchdrucker oder Buchbinder nicht nur legitim, sondern essentiell sind.

Nun bin ich kein Produktioner. Ich bin Händler. Zwar beliefere ich die Produktioner des Buchdrucks und der Buchbinderei, aber auch völlig andere Kundenklientel. Das macht mich einerseits freier in der Beurteilung von Schriften, als auch kreativer in meiner Art und Weise, an Schriften heranzugehen. Denn glauben Sie bloß nicht, daß meine Art, die Dinge zu sehen, der gängigen Lehrmeinung entspräche.

 Mir reicht ein solcher Standpunkt bei weitem nicht aus, denn ich generiere meine Umsätze zwar auch mit den heutigen Produktionern, vielfach aber auch mit Sammlern und Liebhabern. Für die liegt der Wert einer Schrift ganz woanders. Sie achten auf Ästhetik oder auch Authentizität. Und genau das ist bei der Betrachtung und Beurteilung einer Schrift auch immer mein Denkansatz: Ist diese Schrift authentisch? Das bedeutet für mich: Ist sie im Idealfall Symbol für die Epoche, in der sie der Schriftenkünstler schuf? Oder steht sie zumindest stellertretend für eine bestimmte Denk- oder Mode-Richtung dieser Epoche? Oder aber... und hier wird es für mich immer uneheuer spannend: Setzte sie Maßstäbe? Der dann andere Schriftenkünstler folgten? Auch in der deutschen Epoche, die für mich schon immer die spannendste und aufregendste war — die der Zwanziger Jahre — herrschte eine ein harter Konkurrenzkampf zwischen den Schriftgießereien. Die jeweiligen Verantwortlichen für die Entwicklung neuer Schriften beobachteten das Tagesgeschehen, führten regelmäßig intensive Gespräche mit den angestellten oder freien Schriftenkünstlern. Sie waren Marketing-Spezialisten, die in Schriften umsetzten, was der Markt unbewußt wollte, weil es ihn selbst widerspiegelte.

 Jetzt sind wir beim Thema. Um sich einer Beurteilung der Schrift Tannenberg anzunähern, müssen wir zunächst einmal begreifen, wer und was in der damaligen Epoche, 1934 plus/minus zehn Jahre, tonangebend war. Welche Denkrichtung überwog? Was definiert diese Zeitepoche? Und zwar subjektiv, betrachtet aus ihrer eigenen Gegenwart. Ohne die zwangsläufige Überheblichkeit des Später-Geborenen oder, wie es ein Altkanzler der BRD formuliert: Ohne „die Gnade der späten Geburt“. Hübsch gesagt, hier einmal in einem ganz anderen Zusammenhang verwendet.

Unternehmen Sie mit mir eine Zeitreise ins Deutschland des Jahres 1934. Für uns als Zeitreisende ändert sich gar nichts. Ich bin auch dort 54 Jahre alt, mit den damals üblichen Lebens- und Berufserfahrungen, verfüge für einen Facharbeiter über eine beachtliche Halbbildung, kann mich aber keinesfalls mit einem Bildungsbürger aus der Oberschicht messen. Für meine beiden Kinder, die beide gerade erwachsen geworden sind, wünsche ich mir zutiefst bessere Zeiten, als ich selbst sie erlebt habe, vor allem in meiner Jugend. Immerhin bin ich Geburtsjahrgang 1882. Gedient? Selbstverständlich. Beim 9. Rheinischen Infanterie-Regiment Nr. 160 in Bonn. Erster Füsilier, entlassen im Jahre 1905 mit 23 Jahren. 1914, mit 34 Jahren, als Freiwilliger zurück ins Regiment, vier Jahre lang Einsatz an der Westfront — Flandern, Somme, Verdun. Das übliche. Zuletzt Munitionsfahrer. EK II, Verwundetenabzeichen — aber das ist nichts besonderes. Ich war kein sehr heldenhafter Soldat, dazu liebte ich immer das Leben zu sehr. Aber ich tat meine gottverdammte Pflicht für mein Vaterland. Die ganze Welt gegen uns — geschlagen, aber nie besiegt in offener Schlacht. 1918 wurde das Regiment in Flandern aufgelöst, wir schlugen uns allein oder mit ein paar Kameraden in die Heimat durch. Die Frau hatte gewartet, hatte die Hungerjahre, hervorgerufen durch die Seeblockade der Engländer, mit den Kindern ertragen. Beide, das Mädchen und der Junge, waren rachitisch, nichts zu fressen, schlechte Luft hier im Arbeiterviertel von Düsseldorf, feuchte Wände — Sie wissen schon.

 Alle hofften auf den Frieden — hatte Wilson in seinen 14 Punkten nicht klar ausgesagt, daß den Deutschen ein menschenwürdiges Schicksal gewährt werde? Was kam, war die Revolution, das Chaos. Die Anarchisten, gegen die die Stadt das Freikorps Lichtschlag zur Hilfe rufen mußten. Die Frau hielt mich zurück. Ich wollte hin, meine Pflicht für die Heimat erfüllen. „Geh schaffen und ernähr die Familie, sollen die Jüngeren sich den Kopf einschlagen lassen.“ Recht hatte sie. Nur noch das kleine Glück in der Familie zählt. Es kam die erste Inflation, der Dollar stieg ins Unendliche. Arbeitslosikeit. Dann der Schandvertrag von Versailles. Soviel deutsches Gebiet geraubt — darunter die immens wichtigen Kohleprovinzen im Osten. Fremde Soldaten im eigenen Land. Der Franzose besetzt das Ruhrgebiet und auch Düsseldorf. Nimmt sich, worauf er meint, ein „Recht“ zu haben. Wir sind wehrlos, ohnmächtig, ohne die Möglichkeit zur Gegenwehr.

Ich bin Mitglied im Frontsoldaten-Verband Der Stahlhelm. Kein Zugang, wer nicht aktiv im Felde gestanden hat. Hier ist die Frontgeneration unter sich, hier versteht man sich. Alle sind sich einig: Deutschland wird ausverkauft. Die Sieger nehmen sich, was sie wollen und noch mehr. Sie trampeln auf uns herum, belästigen unsere Frauen, rauben das Land aus. Belgier und Franzosen schlagen grundlos mit ihren Reitpeitschen unsere streikenden Arbeiter. Die Eigentümer der Fabriken, Minen, Zechen werden von den Franzosen verhaftet und ausgewiesen nach Preußen, in die unbesetzte Zone. Sie, die Franzosen, arbeiten Hand in Hand mit den Schiebern und Spekulanten, die in der zweiten großen Inflation das Land weiter ausbluten.

 Mitte der Zwanziger wird das Leben endlich etwas erträglicher. Ich habe wieder Arbeit in einer Druckerei gefunden, bin in der AV (Arbeitsvorbereitung), zeichne Manuskripte für die Akzidenzler aus, erstelle Satzumfangsberechnungen für Bücher und Zeitschriften. Die Stelle hat mir mein Schwager besorgt. Er ist „in der Partei“ — gelacht habe ich darüber. „Dein Adolf kann auch nichts dran ändern, daß es mit uns hier wieder etwas wird.“ — „Gib ihm Zeit, Georg. Diesmal ist es mehr als nur eine neue Partei. Diesmal ist es eine Bewegung, die das ganze Volk ergreift.“ Sein Wort in Gottes Ohr. Hauptsache Arbeit.

1933 hat Ernst, mein Schwager, dann recht bekommen. Die letzten Jahre hatte sich das Karussel im Reichstag immer schneller gedreht. Der Reichspräsident beauftragte einen neuen Kanzler mit der Regierungsbildung, manchmal hatten sich die neuen Minister noch nicht eingerichtet, da löste sich die Regierung auch schon wieder auf. So ging es nicht mehr weiter. Ja, ich habe ihn auch gewählt, Ernsts Adolf. Seine Forderungen klangen nur zu vernünftig. Das Hysterische, das Proleten-Gedröhn — das war für die Gosse, die ja auch Stimmrecht hatte. Das würde schon gezähmt, wenn er eingebunden wäre in der großen Politik, wo keiner so kann, wie er gern will. Im Stahlhelm, wo die Kameraden saßen, die normalen fleißigen Männer mit Familien, da waren wir uns einig: Wir kämpfen für Deutschland, wir kämpfen für Hitler. Nur so gab es ein Entkommen aus der Verelendung, eine Rettung für unsere hinsiechenden Kinder.

 Es ging wirklich aufwärts. Wir bekamen Aufträge aus der Industrie und der Wirtschaft. Wir fühlten uns wieder sicher mit unserem Arbeitsplatz. Endlich war auch einmal Zeit, der Frau und den Kindern etwas zu gönnen. Beide gingen ja nun auf die Oberschule, meine Große studierte schon. Nicht schlecht für einen kleinen Facharbeiter, die Tochter für etwas Höheres vorsehen zu können. Daß es seit Januar 1934 ein neues Arbeitsrecht gab, das u.a. die Betriebsräte durch den Vertrauensrat abgelöst wurde, der auf die Pflicht zu Treue, Fürsorge und Gefolgschaft achtete, störte nur die Sozen. Und waren es nicht genau die, die in den Jahren zuvor Deutschland ins Elend hinabgerissen hatten? Jetzt hieß es, zusammenhalten und als Gemeinschaft im Betrieb und auch als Volk das Land wieder nach vorn bringen. Er, Adolf, da oben und wir, die Malocher, bei uns im Betrieb. Das konnte ich unterschreiben.

Und es ging ja auch aufwärtes, sogar mit Riesenschritten. 1934 wurde der Verband KdF — Kraft durch Freude — gegründet. Das hieß ganz konkret: Auch der Malocher konnte einmal Urlaub machen. Mutter war mal ihre Sorgen um die Kinder los und die kamen mal an die frische Luft, raus aus der Stadt. Im Januar 1934 wurde mit dem Polen das deutsch-polnische Verständigungsabkommens getroffen, das zehn Jahre Ruhe und Frieden gerantieren sollte. Zuvor hatte es immer wieder Ärger gegeben. Die Polen initiierten in den Zwanziger Jahren drei Aufstände, um Oberschlesien für Polen zu gewinne, obwohl eine durch den Völkerbund organisierte Volksabstimmung in großer Mehrheit für den Verbleib beim Reich votiert hatte. Egal, was bringt die ewige Aufrechnerei des Unrechts? Hauptsache Frieden und dann auch noch vertraglich abgesichert für die nächsten zehn Jahre. Ein großer Erfolg für Deutschland. Eine der wichtigsten Änderungen, die man gar nicht hoch genug werten kann: Der elende Föderalismus, der Deutschland immer wieder zersplittert hatte, war abgeschafft. Die Landtage der Länder wurden aufgelöst. Endlich konnte zentral für das gesamte Reich entschieden werden.

Aus dem Stahlhelm, meinem Frontsoldaten-Verband, wurde nun der NSDFB, der Nationalsozialististische Deutsche Frontkämpferbund. Ernst, mein Schwager, hat es mir genau erklärt: Alle müssen sich jetzt einreihen in die große Volksgemeinschaft, alle ziehen jetzt an einem Strang. Recht hat er. Am Abend des Gespräches bei ihm habe ich dann auch meinen Parteieintritt unterschrieben — halbe Sachen mache ich nicht. Das geflügelte Wort des „März-Gefallenen“ ziehe ich mir nicht an. Die meisten der Alten Kämpfer hatten nie für eine Familie sorgen müssen, konnten ihr Leben der Bewegung widmen. Ein Familienvater hat da andere Sorgen. Aber ich war jetzt dabei und ich war stolz darauf. (Später, als es dem Ende zuging, gab es zehn Millionen Parteimitglieder — und es ist ein Märchen, daß die alle nur gezwungen worden waren.).

Ach ja, die Alten Kämpfer. So mancher von ihnen hatte nie verwunden, daß der Führer nach der Machtübernahme 1933 die nationale Revolution für beendet erklärt hatten. Sie forderten eine zweite, eine richtige Revolution, schürten Unruhe unter den Kameraden. Wilde Kerle waren das zum Teil, Entwurzelte, Landknechte, die nach dem Krieg und dem Bürgerkrieg den Weg zurück nicht gefunden hatte zu Ruhe, Ordnung und Familie. Hier griff der Führer mit harter Hand durch. Selbst seine persönliche Freundschaft mit Ernst Röhm schützte diesen nicht davor, sich für seine Putschpläne verantworten zu müssen. Hitler kehrte auch in den eigenen Reihen mit dem Eisernen Besen.

Ja, es ging endlich wieder aufwärts mit Deutschland und uns Deutschen.
Und das verdankten wir einem Mann: Adolf Hitler.
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Ich lege größten Wert darauf, daß Sie, lieber Leser, verstehen, daß die vorab wiedergegebene Geschichte fiktiv ist. Sie ist nie passiert. Ich stelle mir vor, daß sie so passiert ist. Die Gedanken des dort handelnden Georgs sind nicht die meinen, sondern nur von mir, wenn Sie so wollen, in Romanform erfunden.
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Haben Sie Georgs Erlebnisse aus dem Jahr 1934 gelesen und versucht, sich in ihn hineinzuversetzen? Das ist gut. Bewahren Sie sich Ihr derzeitiges Gefühl.

 Gruppe Xa - Gebrochene Schriften - Gotisch - Tannenberg

D.Stempel AG, Frankfurt am Main
Erstguß 1934
Erich Meyer

Tannenberg ist der Name einer Schlacht zu Beginn des Ersten Weltkrieges. Bedroht von einem Zweifronten-Krieg, gelang es den Generälen von Hindenburg und Ludendorf, die russische Armee des Zaren bei Tannenberg vernichtend zu schlagen. So wurden Truppen frei für die Überstellung an die Westfront. Ohne diese gewonnene Schlacht hätte es sehr schnell ein böses Ende geben können. Hindenburg und Ludendorf galten nach dieser Schlacht als die großen Helden, die mit ihrer Obersten Heeresleitung mehr und mehr auch in die zivilen Angelegenheiten des Reiches hineinredeten, da dieser Krieg der erste allumfassende Krieg der Neuzeit war — er betraf alle, auch die Zivilisten in der Heimat. Tannenberg wurde zum Synonym für deutsche Tapferkeit, wurde zum Kult. Das Wort Tannenberg steht für alles, was als positiv-deutsch angesehen wurde. Ein idealer Name für diese Schrift.

 Die Tannenberg war nicht die einzige, sondern nur eine von rund einem Dutzend neu-gotischer Schriften (kein Begriff der DIN 16518, dort sprechen wir nur von der Untergruppe der Gotischen. Es hat sich aber eingebürgert, diese speziellen Schriften gesondert zu benennen. Neu-Gotisch erscheint mir sinnvoll, es gibt wertendere Begriffe). Unter den Neu-Gotischen ist sie meiner persönlichen Meinung nach die am besten umgesetzte in Bezug auf ihre Aufgabenstellung, eine neue deutsche Schrift zu schaffen. Vor allem aber wurde sie optimal vermarktet, dafür sorgte schon die Vertriebsabteilung der Schriftgießerei D. Stempel AG, aus deren Hause sie stammt. In der damaligen Fachzeitschrift „Graphische Nachrichten“ gab es eine vierseitige Einführung in die Welt der Neu-Gotischen Schriften (von Stempel) und der Tannenberg ist eine ganze DIN A3-Seite Text gewidmet. Ich habe dieses Heft hier und überlege, ob ich den Text abtippe und hier veröffentliche. Weiß aber nicht, ob das Interesse bei den Lesern so groß ist, daß sich die Mühe lohnt.

Derzeit biete ich im Online-Magazin drei neue Schriftschnitte der Tannenberg an: 28 p, 36 p und 8 Cicero groß. 

Die Tannenberg läßt sich wohl am besten mit Adjektiven beschreiben: Sie ist kantig, aber für ihre gewollt herrische Ausstrahlung nicht ohne Eleganz. Natürlich gibt es elegantere Schriften. Aber auch das Modell Tiger wirkt unter den Panzern sehr elegant. Dennoch bleibt ein Panzer ein Panzer und eine Neu-Gotische eine Neu-Gotische. Will sagen: Die Gefälligkeit z.B. des Versal-A Abstriches unter die Schriftlinie ist nicht das wichtigste an der Aussage der Tannenberg, aber er gibt dem Versal-A eine gewisse Anmut.

Die Tannenberg wurde keinesfalls nur für „heroische“ Themen eingesetzt, sondern für die Werbung ganz normaler Artikel des täglichen Bedarfs, aber auch für die Industrie, die sich durch ihren Einsatz sicher auch eine Verstärkung des „typisch deutschen“ versprach. Was auch gelingt.

Gegen die Neu-Gotischen Schriften, insbesonders aber gegen die Tannenberg, wird polemisiert, seit es sie gibt. Die traditionell linksliberalen Facharbeiter der Druckvorstufe nannten und nennen sie „Schaftstiefelgrotesk“, um so ihre Verachtung für das Hitler-Regime zum Ausdruck zu bringen, als dessen Symbol sie die Schriften wie die Tannenberg ansehen. Ich glaube, zu unrecht.

Haben Sie noch Georgs Sichtweise des Jahres 1934 im Gefühl? Gut. Schauen Sie sich die Schrift an. Paßt sie nicht hervorragend in sein damaliges Lebensgefühl hinein? Den Stolz „Wir sind wieder wer“ bis „Uns kann keener“. Das selbstbewußte Anderssein der Anmutung, das sich ja auch in der damaligen Architektur wiederfindet. 1934 und die Folgejahre waren Jahre der subjektiv von den vielen Georgs so empfundenen Superlative Deutschlands. Höhepunkt waren dann sicher die Jahre 1936 (Olympiade) bis 1938, als dieses Hochgefühl mit dem ersten staatlich organisierten Juden-Progrom ein jähes Ende fand. Noch war der Traum nicht aus, aber die naive Utopie hatte ihre Kratzer bekommen. Wer wissen wollte, wußte nun. Georg auch? Sicher. Georg auch. Und? Was hätten denn Sie getan, wären Sie Georg gewesen? Hätten Sie dem Manne nicht zugejubelt, der nach 1934 die Zwangszahlungen des Versailler Vertrages einstellte (wußten Sie, daß die BRD bis heute, 2009, noch immer daran bezahlt?). Der das eigene Militär wieder ins Rheinland stationierte und damit das Recht einer souveränen Nation auf Stationierung eigener Soldaten auf eigenem Gebiet wiederherstellte. Der deutsche Lande — das Saarland — zurückholte ins Reich. Der den bereits 1919 von den Parlamenten des Deutschen Reiches und des österreichischen Rumpf-Reiches verabschiedeten Beschluß zur Vereinigung dieser beiden deutschen Länder, der von den Siegermächten des Ersten Weltkrieges verboten wurde, umsetzte.

Wenn Sie alle diese Geschehnisse kritisch gesehen hätten, immer im Widerstand zu Adolf Hitler und dem Nationalsozialismus und wenn Sie daraus dann auch die Konsequenz zum aktiven Widerstand gezogen hätten — ja, dann bewundere ich Sie für Ihre Weitsicht und Ihre überragende Charakterfestigkeit. Aber nur dann. Wenn Sie dagegen ausschließlich aus Ihrer heutigen Sicht die Geschehnisse des Jahres 1934 beurteilen, wenn Sie Georg verurteilen, ihn einen Braunen nennen und sich lustig machen über den Patriotismus der damaligen Zeit, derer auch die Tannenberg ein Ausdruck war — dann... ja, dann... ach, ich glaube, das muß ich jetzt nicht schriftlich formulieren.

Ich hoffe, Ihnen hat die kurze Zeitreise und meine Beurteilung der Tannenberg gefallen.
Falls nicht, dürfen Sie ihn nun verreißen.


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Kommentare
1.     Ich bin ganz verwirrt. So ein Schreiben hatte ich nicht erwartet und weiss auch gar nicht,was dazu schreiben. Haben Sie diesen "Zeitreise"-Bericht selbst geschrieben oder abgekupfert?
H.V.
  — Horst Verholt · 17. 10. 2009 ·
 
2.     Mir hat der Artikel einfach nur gut gefallen. Und für uns Heutige und Jetztige bedeutet das wohl: Erst nachdenken, dann anstecken lassen.

Aber dem Zeitgeist entgehen wir ja trotzdem nicht!
  G. Voost · 17. 10. 2009 ·
 
3.     Ich habe den 1934-Georg jettz verstanden, glaub ich. Es ist nachvollziehbar wie er dentk. Aber entschuldigt das denn diese ganze Sache damals?
H.V.
  — Horst Verholt · 17. 10. 2009 ·
 
4.     Ich denke im Nachhinein ist es immer sehr schwierig zu beurteilen, wie man selbst gefühlt und gehandelt hätte. Meiner Meinung nach ist es aber extrem wichtig immer an diese Zeit und deren verheerenden Auswirkungen zu denken, wenn man aktuelle Geschehnisse bewertet.
Das Vergangene können wir nicht mehr ändern, aber wir können dafür sorgen, dass es Vergangenheit bleibt und sich nie mehr wiederholt.
  — Florian · 18. 10. 2009 ·
 
5.     Du sprichst von Patriotismus, obwohl damit "nur" Vaterlandsliebe gemeint ist. Das, was die Nationalsozialisten an den Tag legten, war Nationalismus - ein übersteigertes Nationalbewusstsein, das automatisch andere Nationen ausschließt und die eigene als Klimax der Schöpfung betrachtet. Daran ist nichts gutes. Das ist elitäres Denken, das die Gesellschaft zerstört. Und das, was du als "romanhafte Darstellung der Geschichte" bezeichnest, ist eine Aufzählung psychologischer Entwicklungsschritte innerhalb gruppendynamischer Prozesse, die beispielsweise von den Wissenschaftlern Bernstein und Lowy festgehalten wurden. Innerhalb geschwächter Gesellschaften stirbt das Individuum und wird zum Kollektiv - Kollektive machen einen "Führer" unumgänglich. Das, was normalerweise in einem Individuum geschieht, geschieht hier nur in dem "Führer", der sein Kollektiv leitet - gleichgültig wohin.
Ich finde nicht, dass die Tannenbergschrift mit all dem automatisch etwas zu tun hat - außer für diejenigen, die zu dieser Zeit gelebt haben. Wäre ich ein Jude, würde ich mich von dieser Schrift persönlich angegriffen fühlen, schließlich ist es die, die noch vor einigen Jahren propagandistischen Äußerungen diente und meine Religionsgemeinschaft diffamierte. Davon ab ist es allerdings nur eine Schrift. Ein Neutrum ohne Geschichte, das erst dann Bedeutung erlangt, wenn man sie ihm gibt.
  Hannah · 18. 10. 2009 ·
 
6.     Ich finde, Sie legen da viel zu viel rein. Mensch, das ist doch nur eine Schrift und nicht das Tagebuch von Hitler. Niemand benutzt die Schrift heute noch, das sind olle Nazi-Schriften, die man abhacken kann.

Leben Sie eigentlich nur im Vorgestern? Ihre ganze Website riecht nach Uralt. Leben Sie doch lieber!
  — Christiane · 18. 10. 2009 ·
 
7.     Gibt es die Tannenberg auch als Free Font irgendwo? Wir würden gern damit experimentieren, z.b. Poster damit setzen mit ganz unpolitischen Themen, um dann zu sehen, ob die Schrift da auch wie eine Nazi-Schrift wirkt (entschuldigung, so wirkt sie auf mich nunmal.)
Silvy
  — Silvy & Tom · 18. 10. 2009 ·
 
8.     @Christiane (6.):

"Leben Sie eigentlich nur im Vorgestern? Ihre ganze Website riecht nach Uralt."

Schon mal darüber nachgedacht, dass es im Bleisatz (sic!) Magazin um eine uralte Technik geht? Herr Kraus versucht doch gar niemanden dazu zu zwingen, den Bleisatz zu lieben. Er versucht vielmehr uns Leser an seiner Begeisterung für den Bleisatz teilhaben zu lassen....
  Ingo · 18. 10. 2009 ·
 
9.     Lieber Herr Kraus!

Ein sehr schönes Stück zum Nachdenken haben Sie hier verfasst. Ich stimme mit Ihnen nicht in allen Punkten Ihrer fiktiven Geschichte überein - das muss ich aber auch gar nicht. Es ist Ihr Blog und hier können Sie auch schreiben, was Sie möchten. Ich kann mir selber aussuchen, was ich lesen möchte und was nicht.

Die Frage, die Sie in diesem Tagebuch-Eintrag an uns Leser stellen, ob Sie den Bericht aus der Fachzeitschrift ?Graphische Nachrichten? über die Tannenberg hier veröffentlichen sollen, möchte ich gerne beantworten: Ja und zwar ausdrücklich! Vielleicht brauchen Sie aber den Text gar nicht abtippen - evtl. ließe sich der Text auch scannen und hier als eine Art Faksimile veröffentlichen.

Mir wird einfach nicht klar, warum mit Schriften wie der Tannenberg, also der Neu-Gotischen Schriften, wie Sie sie bezeichnen (andere Bezeichnung dafür z.B. in der Wikipedia ist Gebrochene Grotesk), oder auch der gebrochenen Schriften allgemein, immer die Assoziation mit "Nazi-Schriften" hervor gekramt wird. Es ist ein automatischer Reflex von vielen Menschen, auch und gerade aus dem grafischen Gewerbe, dass bei Fraktur sofort die Nazi-Keule gezogen wird. Dabei werden sich die gleichen Menschen nicht am Apotheken-Logo stören, welches auch in einer Neu-Gotischen gestaltet ist. Dazu ist der Artikel in der Wikipedia zur Gebrochenen Grotesk ganz interessant: http://de.wikipedia.org/wiki/Gebrochene_Grotesk

Und noch einen Aspekt möchten ich allen, die immer mit der Gleichung Gebrochene Schriften = Nazi-Schriften aufwarten, zum Nachdenken anheim stellen: Ausgerechnet Hitler war es, der die gebrochenen Schriften verboten hatte (nachzulesen u.a. in der Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Bormanns_Schrifterlass#Normal-Schrift) und die gebrochenen Schriften als "Schwabacher Judenlettern" verunglimpfte. Somit wurde den Deutschen die Antiqua aufgezwungen und haben auch nach dem Ende der Nazi-Herrschaft weiter (bis auch Ausnahmen) fleißig weiter in Antiqua gesetzt.

Soweit meine Gedanken zu Ihrem Tagebuch-Eintrag, Herr Kraus, und zu den Reaktionen auf diesen.
  Ingo · 18. 10. 2009 ·
 
10.     Zunächst möchte ich Ingo unterstützen, denn auch ich habe irgendwo gelesen, dass Hitler selbst diese Schrift überhaupt nicht mochte, ihm schwebten modernere Schriften vor.....

Doch nun zum Rest Ihres Artikels, lieber Herr Kraus: Aus historischer Perspektive betrachtet ist ihr alter ego aus dem Jahre 1934 sehr gelungen. Ja, so haben viele einfache Leute , aber auch gebildete Menschen, gedacht. Was hätten sie auch sonst denken sollen, bei den täglichen Sorgen, die sie hatten.
Wer sich für die internationalen politischen Hintergründe dieser Zeit interessiert, dem empfehle ich die Titelgschichte des Spiegel vom 24.8.2009 (Nr.35). Nach der Lektüre dieses Artikels wird wohl jedem klar sein warum der " Georg" oben in der Geschichte so gedacht hat, wie er gedacht hat..... er hat sich eben nichts wirklich Böses dabei gedacht, sondern nur die kleinen Alltagsfortschritte in puncto Wohlstand und Familie gesehen.
Sind wir Zeitgenossen heute in diesem Punkt so anders???? Ich glaube nicht!!!

Und nun zum letzten Punkt: Sie überschreiben Ihren Tagebucheintrag mit dem Satz : "Eine Epoche prägt eine Schrift".
Über diesen Satz bin ich zunächst einmal gestolpert, weil mir Subjekt und Objekt des Satzes vertauscht zu sein schienen. Ist es nicht so, dass eine Schrift eine Epoche prägt???
Mit einigem Nachdenken kommt man aber schnell darauf, dass diese Inversion den unterschiedlichen Perspektiven entspricht:
"Eine Epoche prägt eine Schrift" ist die Perspektive der Zeitgenossen. Diese Schrift drückt angemessen einen Zeitgeist aus, wie heute die Graffitis auf Bahnhofswänden.
"Eine Schrift prägt eine Epoche" ist die historische Persektive, die dazu führt, dass wir heutigen Zeitgenossen zu dem (Kurz-)schluss kommen: Schrifttyp: Neugotisch/Fraktur = Nazi.

Abschließend möchte ich noch sagen , wir sollten dieses Thema nicht angstbesetzt, sondern gelassen angehen. Eine Schrifttype ist schließlich 1933 bestimmt nicht zur Wahlurne gegangen und wer aus heutiger Perspektive meint, er müsse den "kleinen Kriegsheimkehrer Georg" dafür verurteilen, Hitler gewählt zu haben und kriegslüstern gewesen zu sein, dem gebe ich gerne eine kleine Hausaufgabe zum Nachdenken.
Wer von den Lesern dieses Blogs kann mit Sicherheit sagen, dass die Menschen des Jahres 2033 unsere Generation noch als friedliebend und demokratisch beschreiben werden?
Wer von uns kann mit Sicherheit sagen, ob die Deutschen vor einigen Wochen historisch klug und vorausschauend gewählt haben?
Nur wer den Mut und die Muße hat, die politischen Gefahren der Gegenwart zu durchdenken, wird letztlich begreifen, dass wir alle "der kleine Kriegsheimkehrer Georg" sind.
Mit friedlichen Grüßen
koko
  — Claudia Osterfeld · 18. 10. 2009 ·
 
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