![]() |
![]() |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
Tannenberg — Jetzt aber wirklich.
Die Beurteilung einer Schrift ausschließlich über die aktuelle Vermarktunsmöglichkeit zu definieren, ist ganz sicher falsch. Sie zeugt von Kleinkrämerei, Scheuklappenblick und Fixierung auf rein materielles Denken. Ein solcher Beurteilungsansatz macht Sinn in Bezug auf die Übernahme einer Schrift in die aktuelle Produktion. Hier ist natürlich die Frage wichtig: „Nehmen meine Kunden diese Schrift an? Steigere ich mit dem Erwerb und dem Einsatz dieser Schrift das Neukundengeschäft?“ Fragen, die für einen aktiven Buchdrucker oder Buchbinder nicht nur legitim, sondern essentiell sind. Nun bin ich kein Produktioner. Ich bin Händler. Zwar beliefere ich die Produktioner des Buchdrucks und der Buchbinderei, aber auch völlig andere Kundenklientel. Das macht mich einerseits freier in der Beurteilung von Schriften, als auch kreativer in meiner Art und Weise, an Schriften heranzugehen. Denn glauben Sie bloß nicht, daß meine Art, die Dinge zu sehen, der gängigen Lehrmeinung entspräche.
Unternehmen Sie mit mir eine Zeitreise ins Deutschland des Jahres 1934. Für uns als Zeitreisende ändert sich gar nichts. Ich bin auch dort 54 Jahre alt, mit den damals üblichen Lebens- und Berufserfahrungen, verfüge für einen Facharbeiter über eine beachtliche Halbbildung, kann mich aber keinesfalls mit einem Bildungsbürger aus der Oberschicht messen. Für meine beiden Kinder, die beide gerade erwachsen geworden sind, wünsche ich mir zutiefst bessere Zeiten, als ich selbst sie erlebt habe, vor allem in meiner Jugend. Immerhin bin ich Geburtsjahrgang 1882. Gedient? Selbstverständlich. Beim 9. Rheinischen Infanterie-Regiment Nr. 160 in Bonn. Erster Füsilier, entlassen im Jahre 1905 mit 23 Jahren. 1914, mit 34 Jahren, als Freiwilliger zurück ins Regiment, vier Jahre lang Einsatz an der Westfront — Flandern, Somme, Verdun. Das übliche. Zuletzt Munitionsfahrer. EK II, Verwundetenabzeichen — aber das ist nichts besonderes. Ich war kein sehr heldenhafter Soldat, dazu liebte ich immer das Leben zu sehr. Aber ich tat meine gottverdammte Pflicht für mein Vaterland. Die ganze Welt gegen uns — geschlagen, aber nie besiegt in offener Schlacht. 1918 wurde das Regiment in Flandern aufgelöst, wir schlugen uns allein oder mit ein paar Kameraden in die Heimat durch. Die Frau hatte gewartet, hatte die Hungerjahre, hervorgerufen durch die Seeblockade der Engländer, mit den Kindern ertragen. Beide, das Mädchen und der Junge, waren rachitisch, nichts zu fressen, schlechte Luft hier im Arbeiterviertel von Düsseldorf, feuchte Wände — Sie wissen schon.
Ich bin Mitglied im Frontsoldaten-Verband Der Stahlhelm. Kein Zugang, wer nicht aktiv im Felde gestanden hat. Hier ist die Frontgeneration unter sich, hier versteht man sich. Alle sind sich einig: Deutschland wird ausverkauft. Die Sieger nehmen sich, was sie wollen und noch mehr. Sie trampeln auf uns herum, belästigen unsere Frauen, rauben das Land aus. Belgier und Franzosen schlagen grundlos mit ihren Reitpeitschen unsere streikenden Arbeiter. Die Eigentümer der Fabriken, Minen, Zechen werden von den Franzosen verhaftet und ausgewiesen nach Preußen, in die unbesetzte Zone. Sie, die Franzosen, arbeiten Hand in Hand mit den Schiebern und Spekulanten, die in der zweiten großen Inflation das Land weiter ausbluten.
1933 hat Ernst, mein Schwager, dann recht bekommen. Die letzten Jahre hatte sich das Karussel im Reichstag immer schneller gedreht. Der Reichspräsident beauftragte einen neuen Kanzler mit der Regierungsbildung, manchmal hatten sich die neuen Minister noch nicht eingerichtet, da löste sich die Regierung auch schon wieder auf. So ging es nicht mehr weiter. Ja, ich habe ihn auch gewählt, Ernsts Adolf. Seine Forderungen klangen nur zu vernünftig. Das Hysterische, das Proleten-Gedröhn — das war für die Gosse, die ja auch Stimmrecht hatte. Das würde schon gezähmt, wenn er eingebunden wäre in der großen Politik, wo keiner so kann, wie er gern will. Im Stahlhelm, wo die Kameraden saßen, die normalen fleißigen Männer mit Familien, da waren wir uns einig: Wir kämpfen für Deutschland, wir kämpfen für Hitler. Nur so gab es ein Entkommen aus der Verelendung, eine Rettung für unsere hinsiechenden Kinder.
Und es ging ja auch aufwärtes, sogar mit Riesenschritten. 1934 wurde der Verband KdF — Kraft durch Freude — gegründet. Das hieß ganz konkret: Auch der Malocher konnte einmal Urlaub machen. Mutter war mal ihre Sorgen um die Kinder los und die kamen mal an die frische Luft, raus aus der Stadt. Im Januar 1934 wurde mit dem Polen das deutsch-polnische Verständigungsabkommens getroffen, das zehn Jahre Ruhe und Frieden gerantieren sollte. Zuvor hatte es immer wieder Ärger gegeben. Die Polen initiierten in den Zwanziger Jahren drei Aufstände, um Oberschlesien für Polen zu gewinne, obwohl eine durch den Völkerbund organisierte Volksabstimmung in großer Mehrheit für den Verbleib beim Reich votiert hatte. Egal, was bringt die ewige Aufrechnerei des Unrechts? Hauptsache Frieden und dann auch noch vertraglich abgesichert für die nächsten zehn Jahre. Ein großer Erfolg für Deutschland. Eine der wichtigsten Änderungen, die man gar nicht hoch genug werten kann: Der elende Föderalismus, der Deutschland immer wieder zersplittert hatte, war abgeschafft. Die Landtage der Länder wurden aufgelöst. Endlich konnte zentral für das gesamte Reich entschieden werden. Aus dem Stahlhelm, meinem Frontsoldaten-Verband, wurde nun der NSDFB, der Nationalsozialististische Deutsche Frontkämpferbund. Ernst, mein Schwager, hat es mir genau erklärt: Alle müssen sich jetzt einreihen in die große Volksgemeinschaft, alle ziehen jetzt an einem Strang. Recht hat er. Am Abend des Gespräches bei ihm habe ich dann auch meinen Parteieintritt unterschrieben — halbe Sachen mache ich nicht. Das geflügelte Wort des „März-Gefallenen“ ziehe ich mir nicht an. Die meisten der Alten Kämpfer hatten nie für eine Familie sorgen müssen, konnten ihr Leben der Bewegung widmen. Ein Familienvater hat da andere Sorgen. Aber ich war jetzt dabei und ich war stolz darauf. (Später, als es dem Ende zuging, gab es zehn Millionen Parteimitglieder — und es ist ein Märchen, daß die alle nur gezwungen worden waren.). Ach ja, die Alten Kämpfer. So mancher von ihnen hatte nie verwunden, daß der Führer nach der Machtübernahme 1933 die nationale Revolution für beendet erklärt hatten. Sie forderten eine zweite, eine richtige Revolution, schürten Unruhe unter den Kameraden. Wilde Kerle waren das zum Teil, Entwurzelte, Landknechte, die nach dem Krieg und dem Bürgerkrieg den Weg zurück nicht gefunden hatte zu Ruhe, Ordnung und Familie. Hier griff der Führer mit harter Hand durch. Selbst seine persönliche Freundschaft mit Ernst Röhm schützte diesen nicht davor, sich für seine Putschpläne verantworten zu müssen. Hitler kehrte auch in den eigenen Reihen mit dem Eisernen Besen. Ja, es ging endlich wieder aufwärts mit Deutschland und uns Deutschen. Haben Sie Georgs Erlebnisse aus dem Jahr 1934 gelesen und versucht, sich in ihn hineinzuversetzen? Das ist gut. Bewahren Sie sich Ihr derzeitiges Gefühl.
D.Stempel AG, Frankfurt am Main Tannenberg ist der Name einer Schlacht zu Beginn des Ersten Weltkrieges. Bedroht von einem Zweifronten-Krieg, gelang es den Generälen von Hindenburg und Ludendorf, die russische Armee des Zaren bei Tannenberg vernichtend zu schlagen. So wurden Truppen frei für die Überstellung an die Westfront. Ohne diese gewonnene Schlacht hätte es sehr schnell ein böses Ende geben können. Hindenburg und Ludendorf galten nach dieser Schlacht als die großen Helden, die mit ihrer Obersten Heeresleitung mehr und mehr auch in die zivilen Angelegenheiten des Reiches hineinredeten, da dieser Krieg der erste allumfassende Krieg der Neuzeit war — er betraf alle, auch die Zivilisten in der Heimat. Tannenberg wurde zum Synonym für deutsche Tapferkeit, wurde zum Kult. Das Wort Tannenberg steht für alles, was als positiv-deutsch angesehen wurde. Ein idealer Name für diese Schrift.
Derzeit biete ich im Online-Magazin drei neue Schriftschnitte der Tannenberg an: 28 p, 36 p und 8 Cicero groß. Die Tannenberg läßt sich wohl am besten mit Adjektiven beschreiben: Sie ist kantig, aber für ihre gewollt herrische Ausstrahlung nicht ohne Eleganz. Natürlich gibt es elegantere Schriften. Aber auch das Modell Tiger wirkt unter den Panzern sehr elegant. Dennoch bleibt ein Panzer ein Panzer und eine Neu-Gotische eine Neu-Gotische. Will sagen: Die Gefälligkeit z.B. des Versal-A Abstriches unter die Schriftlinie ist nicht das wichtigste an der Aussage der Tannenberg, aber er gibt dem Versal-A eine gewisse Anmut. Die Tannenberg wurde keinesfalls nur für „heroische“ Themen eingesetzt, sondern für die Werbung ganz normaler Artikel des täglichen Bedarfs, aber auch für die Industrie, die sich durch ihren Einsatz sicher auch eine Verstärkung des „typisch deutschen“ versprach. Was auch gelingt. Gegen die Neu-Gotischen Schriften, insbesonders aber gegen die Tannenberg, wird polemisiert, seit es sie gibt. Die traditionell linksliberalen Facharbeiter der Druckvorstufe nannten und nennen sie „Schaftstiefelgrotesk“, um so ihre Verachtung für das Hitler-Regime zum Ausdruck zu bringen, als dessen Symbol sie die Schriften wie die Tannenberg ansehen. Ich glaube, zu unrecht. Haben Sie noch Georgs Sichtweise des Jahres 1934 im Gefühl? Gut. Schauen Sie sich die Schrift an. Paßt sie nicht hervorragend in sein damaliges Lebensgefühl hinein? Den Stolz „Wir sind wieder wer“ bis „Uns kann keener“. Das selbstbewußte Anderssein der Anmutung, das sich ja auch in der damaligen Architektur wiederfindet. 1934 und die Folgejahre waren Jahre der subjektiv von den vielen Georgs so empfundenen Superlative Deutschlands. Höhepunkt waren dann sicher die Jahre 1936 (Olympiade) bis 1938, als dieses Hochgefühl mit dem ersten staatlich organisierten Juden-Progrom ein jähes Ende fand. Noch war der Traum nicht aus, aber die naive Utopie hatte ihre Kratzer bekommen. Wer wissen wollte, wußte nun. Georg auch? Sicher. Georg auch. Und? Was hätten denn Sie getan, wären Sie Georg gewesen? Hätten Sie dem Manne nicht zugejubelt, der nach 1934 die Zwangszahlungen des Versailler Vertrages einstellte (wußten Sie, daß die BRD bis heute, 2009, noch immer daran bezahlt?). Der das eigene Militär wieder ins Rheinland stationierte und damit das Recht einer souveränen Nation auf Stationierung eigener Soldaten auf eigenem Gebiet wiederherstellte. Der deutsche Lande — das Saarland — zurückholte ins Reich. Der den bereits 1919 von den Parlamenten des Deutschen Reiches und des österreichischen Rumpf-Reiches verabschiedeten Beschluß zur Vereinigung dieser beiden deutschen Länder, der von den Siegermächten des Ersten Weltkrieges verboten wurde, umsetzte. Wenn Sie alle diese Geschehnisse kritisch gesehen hätten, immer im Widerstand zu Adolf Hitler und dem Nationalsozialismus und wenn Sie daraus dann auch die Konsequenz zum aktiven Widerstand gezogen hätten — ja, dann bewundere ich Sie für Ihre Weitsicht und Ihre überragende Charakterfestigkeit. Aber nur dann. Wenn Sie dagegen ausschließlich aus Ihrer heutigen Sicht die Geschehnisse des Jahres 1934 beurteilen, wenn Sie Georg verurteilen, ihn einen Braunen nennen und sich lustig machen über den Patriotismus der damaligen Zeit, derer auch die Tannenberg ein Ausdruck war — dann... ja, dann... ach, ich glaube, das muß ich jetzt nicht schriftlich formulieren. Ich hoffe, Ihnen hat die kurze Zeitreise und meine Beurteilung der Tannenberg gefallen. < zum Inhaltsverzeichnis Kommentare
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||