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Nehmen Sie doch einmal Witterung auf
Mich erfaßt Respekt und Vertrauen, wenn ich erfahrene Meister und Gesellen anderer Zünfte in ihren Betrieben besuche. Es hat etwas sehr Bodenständiges, wenn jemand mit seinen Händen etwas erschafft nach in Jahrhunderten entwickelten Rezepturen und Methoden. Genau das ist Tradition, ist ohne Frage erhaltenswert, gehört aber auch ohne Frage fast vollständig einer vergangenen Zeit an. Uns, die Angehörigen der Buchdrucker-Zunft und die anderer alter Handwerker und Zünfte verbindet, daß unsere Berufe praktisch ausgestorben sind und nur noch von einzelnen, schier trotzig die Tradition Wahrenden, betrieben werden. „Brotfabriken“ und Bäckerei-Franchise-Ketten, Copy-Center und Computer-to-Plate lösten längst die meisten Familienbetriebe ab. Wir alle beugen uns den uns immer wieder vorgehaltenen „wirtschaftlichen Zwängen“. Die an sich logische Frage, wie denn eben diese Familien-Betriebe in den früheren Zeiten nicht nur haben überleben, sondern wirtschaftlich gesund den Wohlstand ihrer Inhaber haben mehren können, wird nicht mehr gestellt, ja, gilt als verpönt. Der rasende Tanz um das Goldene Kalb hat längst einen heiligen Charakter angenommen, gilt als Dogma, Kritik als Blasphemie oder Naivität. Sei's drum.
Mein Wissen von der täglichen Arbeit eines Bäckers beschränkte sich auf das Konsumieren der von ihm erzeugten Produkte, also bat ich um eine Einführung, bat darum, ihm, dem Bäcker-Meister P., einen Arbeitstag lang zur Seite stehen zu dürfen — oder doch zumindest um sein Erdulden meiner Anwesenheit, denn meist stört allein die physische Anwesentheit eines Laien den Handwerks-Meister beim flüssigen Arbeiten. Diesen Arbeitstag, der um 4:00 Uhr morgens begann und erst um 18:00 Uhr endete, habe ich in den folgenden 30 Jahren nie vergessen. „Wir“ haben Brötchen gebacken. Ich lernte, die Teigballen oben mit dem stumpfen Ende der in den Messergriff führenden Klinge anzureißen „Du mußt reißen, nicht schneiden, damit das Brötchen beim Aufgehen im Backofen den typischen Brötchen-Anriß ausbackt.“
Nach diesem Besuch hatte ich eine Ahnung davon, wie das Arbeitsleben eines Bäckers aussieht; nicht mehr, aber auch ncht weniger. Solch' einen Schnuppertag würde ich auch gern in anderen alten Berufen absolvieren. Und so wie mir, geht es vielen Menschen. Nur kommen die meisten gar nicht auf die Idee, daß so etwas möglich ist. Aus eben dieser Erkenntnis heraus erwuchs in mir nun auch ein Gefühl der Verpflichtung, meine Buchdruck-Setzerei für interessierte Laien zu öffenen. Ihnen Gelegenheit zu geben, mir auf die Finger zu schauen, die alten, aber gar nicht so ehrwürdigen Materialien, Schriften und Werkzeuge der Schriftsetzer- und Buchdrucker-Zunft nicht nur in einem Museum zu betrachten, sondern selbst einzusetzen, mit den eigenen Händen und der eigenen Kreativität eine kleine Gestaltung zu entwerfen und sie satztechnisch umzusetzen.
Hierbei ist mir immer lieb, wenn die Teilnehmer eigene Gestaltungselemente mitbringen — kleine Linolschnitt-Arbeiten oder auch eine eigene, kleine Zeichnung, von der wir gemeinsam ein Klischee herstellen. „Spes enim incerti boni nomen est, ein Ausspruch des Seneca. Können wir das vielleicht als Sinnspruch für die Gestaltung verwenden und diesen Linolschnitt eines Hasen, der in den nächtlichen Sternenhimmel sinniert, mit einbauen?“ Ja, sicher. Das können wir machen. Ich wähle als Schrift die Euphorion von Walter Tiemann aus meinem privaten Schriftenbestand, die er im Jahre 1935 für die Schriftgießerei der Gebr. Klingspor schuf. Euphorion war der Sohn des Achill, ein Halbgott der griechischen Mythologie und der schönen Göttin Helena. Was paßt besser zum Stoiker Seneca? Von dem ich, nebenbei bemerkt, so gar nichts weiß, also auch nicht, was der lateinische Sinnspruch bedeutet. Also lerne auch ich wieder hinzu: Ich muß Seneca lesen.
Ich antworte bewußt oft in erzählten Episoden, schweife gern ab, lasse das streng Didaktische beiseite. Ich will es spielerisch angehen lassen. Ich merke, die beiden fühlen sich wohl. Hier und jetzt sind sie nicht Herr Doktor und Herr Psychologe — sie sind Wißgebierige, die sich auf einem fremden Terrain bewegen. Und sie machen das gut. Ihre Fragen sind logisch, sie wollen verstehen, bemühen sich, aus der Epoche heraus zu denken, in die sie bei mir eintauchen.
Die beiden interessieren sich vor allem für die technischen Möglichkeiten, selbst angefertigte Holz- und Linolschnitte mit klassischen Bleisatz-Schriften zu kombinieren. Um letztendlich z.B. Sinnsprüche und Aphorismen der Philosophen zu kombinieren. Visualisierungen von deren Aussagen, realisiert in kleinen, selbst gefertigten Abbildungen. Fachlich geht es also in den Bereich der Schriften-Auswahl, den ich natürlich bestens nicht nur erläutern, sondern auch an Beispielen aufzeigen kann. Behaupte ich doch mit einiger Gewißheit, in meiner Setzerei viele wunderschöne klassische Bleisatz-Schriften der unterschiedlichsten Klassifikationen vorzuhalten.
Wir drucken die fertige Gestaltung des Vormittages auf der Abziehpresse an. Zwei Tage zuvor war mir der Keilriemen des automatischen Farbwerkes gerissen, aber kein Problem: Genau solch' ein kleines Malheur bringt Leben ins Seminar. Wir färben die Form manuell mit der Handwalze ein, nutzen die Abziehpresse klassisch als „Nudel“. Diese Arbeitsweise stellt nicht einmal ein Provisorium dar, jahrhundertelang wurde so produziert. Ein Gemeines-s steht auf dem Kopf. Ich setze ein Korrekturzeichen an den Rand des Andruckes. „Macht ja nichts. Wir wissen ja, wie es richtig sein soll.“ — „Bitte? Wir korrigieren jetzt natürlich den Fehler und erstellen einen neuen Andruck. Wie soll ich Ihnen sonst die Imprimatur erteilen?“ Die Imprimatur stellt die Druckfreigabe dar. Ohne sie rührt der kluge Drucker keinen Finger, denn die Imprimatur legt gleichzeitig auch die Verantwortung für die erstellte Drucksache fest. Und deshalb muß die Form noch einmal aus der Andruckpresse zum Arbeitsplatz gebracht werden, die ausgebundene Form muß wieder geöffnet werden, der auf dem Kopf stehende Letter muß gedreht, die Form wieder ausgebunden werden. „Sie haben doch noch Glück. Wäre ein anderer Fehler aufgetreten, hätten Sie die Zeile auch noch wieder in den Winkelhaken nehmen und nach der Korrektur neu ausschließen müssen. Ergo: Lieber vorher mehrmals Korrektur lesen — im Winkelhaken vor dem Ausschließen, auf dem Satzschiff beim Umbruch.“ Wie einfach ist es heute, am Monitor einen Satzfehler zu korrigieren und wir sehr verleitet es uns alle, die Sorgfalt bei der Erfassung hinten an zu stellen. Alle diese Arbeiten werden im Bleisatz in der Arbeitsvorbereitung, erledigt. Was automatisch dazu führt, daß eben diese AV sich natürlich wesentlich zeitaufwendiger gestaltet. Mir als Kursleiter, vergeht die Zeit wie im Fluge. Schon ist es kurz nach 17 Uhr. Wir rekapitulieren unser Tagwerk, fassen zusammen, ziehen eine kurze Schlußbilanz. Ich hoffe, mein Ziel erreicht zu haben: Eine kurze Reise in die Vergangenheit, der Einblick gibt nicht nur in die Techniken des Bleisatzes und des Buchdrucks, sondern auch in das Denken einer vergangenen Welt in einem völlig anderen Zeit-Kontinuum. Nicht besser oder schlechter, aber anders. Vielleicht ist mir das heute gelungen. < zum Inhaltsverzeichnis Kommentare
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