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Nehmen Sie doch einmal Witterung auf


13.12.2009

 Vor ziemlich genau drei Jahrzehnten, im zarten Alter von 24 Jahren, lernte ich Karin P. kennen und für ein gutes Jahr waren wir ein Liebespaar. Nun möchte ich hier nicht die wenigen Lieben meines Lebens aufarbeiten, sondern ich erwähne Karin wegen Ihres Vaters, des Bäcker-Meisters P. Denke ich an Karin, schweifen meine Gedanken sofort ab in Richtung Backstube und mir steigt der Geruch frisch gebackener Brötchen in die Nase.

Mich erfaßt Respekt und Vertrauen, wenn ich erfahrene Meister und Gesellen anderer Zünfte in ihren Betrieben besuche. Es hat  etwas sehr Bodenständiges, wenn jemand mit seinen Händen etwas erschafft nach in Jahrhunderten entwickelten Rezepturen und Methoden. Genau das ist Tradition, ist ohne Frage erhaltenswert, gehört aber auch ohne Frage fast vollständig einer vergangenen Zeit an. Uns, die Angehörigen der Buchdrucker-Zunft und die anderer alter Handwerker und Zünfte verbindet, daß unsere Berufe praktisch ausgestorben sind und nur noch von einzelnen, schier trotzig die Tradition Wahrenden, betrieben werden. „Brotfabriken“ und Bäckerei-Franchise-Ketten, Copy-Center und Computer-to-Plate lösten längst die meisten Familienbetriebe ab. Wir alle beugen uns den uns immer wieder vorgehaltenen „wirtschaftlichen Zwängen“. Die an sich logische Frage, wie denn eben diese Familien-Betriebe in den früheren Zeiten nicht nur haben überleben, sondern wirtschaftlich gesund den Wohlstand ihrer Inhaber haben mehren können, wird nicht mehr gestellt, ja, gilt als verpönt. Der rasende Tanz um das Goldene Kalb hat längst einen heiligen Charakter angenommen, gilt als Dogma, Kritik als Blasphemie oder Naivität. Sei's drum.

 Natürlich ist auch der Bäcker-Meister P. längst von den Zwangsläufigkeiten dieses ehernen Gesetzes der Ökonomie erfaßt und seine Backstube in den Orkus des Vergessens befördert worden. Und nur durch meine kurze Exkursion in die Vergangenheit kann ich Ihnen hier davon berichten.

Mein Wissen von der täglichen Arbeit eines Bäckers beschränkte sich auf das Konsumieren der von ihm erzeugten Produkte, also bat ich um eine Einführung, bat darum, ihm, dem Bäcker-Meister P., einen Arbeitstag lang zur Seite stehen zu dürfen — oder doch zumindest um sein Erdulden meiner Anwesenheit, denn meist stört allein die physische Anwesentheit eines Laien den Handwerks-Meister beim flüssigen Arbeiten. Diesen Arbeitstag, der um 4:00 Uhr morgens begann und erst um 18:00 Uhr endete, habe ich in den folgenden 30 Jahren nie vergessen. „Wir“ haben Brötchen gebacken. Ich lernte, die Teigballen oben mit dem stumpfen Ende der in den Messergriff führenden Klinge anzureißen „Du mußt reißen, nicht schneiden, damit das Brötchen beim Aufgehen im Backofen den typischen Brötchen-Anriß ausbackt.“

 „Wir“ haben Berliner Ballen in großen Friteusen, im Öl schwimmend,  gebacken und mittels einer Einspritzmaschine mit Konfitüre gefüllt. Und diese leckeren „Rumkugeln“, faustgroß, süß, mit Nüssen gefüllt und Hagelschokolade bestreut — hier lernte ich, daß es sich um die ordinären Teigreste des Tages handelt, die, versetzt mit einem Schuß Rum, zur leckeren Köstlichkeit verarbeitet werden.

Nach diesem Besuch hatte ich eine Ahnung davon, wie das Arbeitsleben eines Bäckers aussieht; nicht mehr, aber auch ncht weniger. Solch' einen Schnuppertag würde ich auch gern in anderen alten Berufen absolvieren. Und so wie mir, geht es vielen Menschen. Nur kommen die meisten gar nicht auf die Idee, daß so etwas möglich ist. Aus eben dieser Erkenntnis heraus erwuchs in mir nun auch ein Gefühl der Verpflichtung, meine Buchdruck-Setzerei für interessierte Laien zu öffenen. Ihnen Gelegenheit zu geben, mir auf die Finger zu schauen, die alten, aber gar nicht so ehrwürdigen Materialien, Schriften und Werkzeuge der Schriftsetzer- und Buchdrucker-Zunft nicht nur in einem Museum zu betrachten, sondern selbst einzusetzen, mit den eigenen Händen und der eigenen Kreativität eine kleine Gestaltung zu entwerfen und sie satztechnisch umzusetzen.

 Bei solchen Tages-Schnupperkursen achte ich darauf, die Teilnehmer nicht mit zuviel Theorie zu belasten. Sie sind ja hier, weil sie das haptische Gefühl des Bleisatzes erkunden wollen, das sinnliche Gefühl, Bleizeilen abzusetzen, beim Umbruch aufgelegte Klischees und Textblöcke, dem Entwurf folgend, zu platzieren und möglichst standgenau zur Satzform zu verbauen.

Hierbei ist mir immer lieb, wenn die Teilnehmer eigene Gestaltungselemente mitbringen — kleine Linolschnitt-Arbeiten oder auch eine eigene, kleine Zeichnung, von der wir gemeinsam ein Klischee herstellen.

„Spes enim incerti boni nomen est, ein Ausspruch des Seneca. Können wir das vielleicht als Sinnspruch für die Gestaltung verwenden und diesen Linolschnitt eines Hasen, der in den nächtlichen Sternenhimmel sinniert, mit einbauen?“ Ja, sicher. Das können wir machen. Ich wähle als Schrift die Euphorion von Walter Tiemann aus meinem privaten Schriftenbestand, die er im Jahre 1935 für die Schriftgießerei der Gebr. Klingspor schuf. Euphorion war der Sohn des Achill, ein Halbgott der griechischen Mythologie und der schönen Göttin Helena. Was paßt besser zum Stoiker Seneca? Von dem ich, nebenbei bemerkt, so gar nichts weiß, also auch nicht, was der lateinische Sinnspruch bedeutet. Also lerne auch ich wieder hinzu: Ich muß Seneca lesen.

 Im permanenten Dialog — die beiden Kursteilnehmer, beide Akademiker, der eine auch Linkshänder, was in der Bleisatz-Zeit so überhaupt keine Berücksichtigung fand, fragen und fragen, während der kleine, von Hand abgesetzte Textblock langsam wächst — entwickelt sich die Idee einer Visualisierung des Sinnspruches zur Gestalgung und zur satztechnischen Umsetzung.

Ich antworte bewußt oft in erzählten Episoden, schweife gern ab, lasse das streng Didaktische beiseite. Ich will es spielerisch angehen lassen. Ich merke, die beiden fühlen sich wohl. Hier und jetzt sind sie nicht Herr Doktor und Herr Psychologe — sie sind Wißgebierige, die sich auf einem fremden Terrain bewegen. Und sie machen das gut. Ihre Fragen sind logisch, sie wollen verstehen, bemühen sich, aus der Epoche heraus zu denken, in die sie bei mir eintauchen.

 Als ich Ihnen unser spezielles Didot-Maßsystem erkläre, in dessen doch recht engem Gerüst sie nun ihre Gestaltung realisieren müssen, schmecken sie den historischen Fachbegriffen Cicero und Konkordanz nach, die so weit weg sind von den heutzutage durchgängig gesetzten internationalen Industrienormen, weil historisch gewachsen. Ich lege noch einen Köder und erzähle vom seitenverkehrten Lesen der Lettern, die, um beim Schritsetzer keine Langeweile aufkommen zu lassen, auf dem Kopf stehend verbaut werden. Was logisch ist, denn ein jeder beginnt ja auch mit dem Schreiben von Texten am oberen Rande des Blattes. Seitenverkehrt, auf dem Kopf stehend und dann noch Linkshänder sein — 'neidappt. Er beginnt mit dem Setzen der ersten Zeile ganz rechts außen im Winkelhaken. Wir lachen, er streicht sich über den Nasenflügel. Jetzt hab' ich sie. Sie nehmen Witterung auf.

 Mittags scheuche ich sie weg. Sie sollen für eine halbe Stunde raus hier, eine Kleinigkeit essen, sich über den Vormittag unterhalten und reflektieren. Ich brauche diese halbe Stunde, um den Nachmittag vorzubereiten. Zumeist kenne ich die Teilnehmer meiner Seminare nicht persönlich. Kann mir erst einen Eindruck verschaffen, nachdem sie eingetroffen sind und wir ein paar Stunden Umgang miteinander hatten. Jeder Teilnehmer ist anders. Hat andere Vorstellungen von dem, was ihn erwartet, hat auch andere, meist eher diffuse, Vorstellungen von dem, ob er überhaupt und wen, was er zukünftig in Richtung Buchdruck machen will. Die Vormittage sind dem Vermitteln des Grundsätzlichen meines Schriftsetzer-Berufes vorbehalten. Und dabei lerne ich genug von den Teilnehmern, um deren Nachmittage dann individuell gestalten zu können. Genau das, so bilde ich mir ein, ist auch das, was meine Seminare auszeichnet: Die Möglichkeit, sie individuell anzupassen. Nicht ausschließlich Lehrstoff zu vermitteln, sondern in der Interaktion vor Ort zu reagieren und mein Gewerbe in das kreative Schaffen der Kursteilnehmer hineinzutragen und nicht anders herum.

Die beiden interessieren sich vor allem für die technischen Möglichkeiten, selbst angefertigte Holz- und Linolschnitte mit klassischen Bleisatz-Schriften zu kombinieren. Um letztendlich z.B. Sinnsprüche und Aphorismen der Philosophen zu kombinieren. Visualisierungen von deren Aussagen, realisiert in kleinen, selbst gefertigten Abbildungen. Fachlich geht es also in den Bereich der Schriften-Auswahl, den ich natürlich bestens nicht nur erläutern, sondern auch an Beispielen aufzeigen kann. Behaupte ich doch mit einiger Gewißheit, in meiner Setzerei viele wunderschöne klassische Bleisatz-Schriften der unterschiedlichsten Klassifikationen vorzuhalten.

 Im technischen Bereich verweise ich auf die Möglichkeit, preisgünstige Nyloprint-Klischees herstellen zu lassen, führe kurz meine Nyloprint-Anlage vor, erkläre den Produktionsweg der Gestaltung am PC-Monitor oder durch Datenübernahme mittels Scanner, die darauf folgende Ausgabe eines Negativ-Filmes, der dann letztendlich als Vorlage für das zu erstellende Nyloprint-Klischee dient. Man ist beeindruckt.

Wir drucken die fertige Gestaltung des Vormittages auf der Abziehpresse an. Zwei Tage zuvor war mir der Keilriemen des automatischen Farbwerkes gerissen, aber kein Problem: Genau solch' ein kleines Malheur bringt Leben ins Seminar. Wir färben die Form manuell mit der Handwalze ein, nutzen die Abziehpresse klassisch als „Nudel“. Diese Arbeitsweise stellt nicht einmal ein Provisorium dar, jahrhundertelang wurde so produziert.

Ein Gemeines-s steht auf dem Kopf. Ich setze ein Korrekturzeichen an den Rand des Andruckes. „Macht ja nichts. Wir wissen ja, wie es richtig sein soll.“ — „Bitte? Wir korrigieren jetzt natürlich den Fehler und erstellen einen neuen Andruck. Wie soll ich Ihnen sonst die Imprimatur erteilen?“ Die Imprimatur stellt die Druckfreigabe dar. Ohne sie rührt der kluge Drucker keinen Finger, denn die Imprimatur legt gleichzeitig auch die Verantwortung für die erstellte Drucksache fest.

Und deshalb muß die Form noch einmal aus der Andruckpresse zum Arbeitsplatz gebracht werden, die ausgebundene Form muß wieder geöffnet werden, der auf dem Kopf stehende Letter muß gedreht, die Form wieder ausgebunden werden. „Sie haben doch noch Glück. Wäre ein anderer Fehler aufgetreten, hätten Sie die Zeile auch noch wieder in den Winkelhaken nehmen und nach der Korrektur neu ausschließen müssen. Ergo: Lieber vorher mehrmals Korrektur lesen — im Winkelhaken vor dem Ausschließen, auf dem Satzschiff beim Umbruch.“ Wie einfach ist es heute, am Monitor einen Satzfehler zu korrigieren und wir sehr verleitet es uns alle, die Sorgfalt bei der Erfassung hinten an zu stellen. Alle diese Arbeiten werden im Bleisatz in der Arbeitsvorbereitung, erledigt. Was automatisch dazu führt, daß eben diese AV sich natürlich wesentlich zeitaufwendiger gestaltet.

Mir als Kursleiter, vergeht die Zeit wie im Fluge. Schon ist es kurz nach 17 Uhr. Wir rekapitulieren unser Tagwerk, fassen zusammen, ziehen eine kurze Schlußbilanz. Ich hoffe, mein Ziel erreicht zu haben: Eine kurze Reise in die Vergangenheit, der Einblick gibt nicht nur in die Techniken des Bleisatzes und des Buchdrucks, sondern auch in das Denken einer vergangenen Welt in einem völlig anderen Zeit-Kontinuum. Nicht besser oder schlechter, aber anders. Vielleicht ist mir das heute gelungen.


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