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Mercator — Lettergieterij Amsterdam
Unbestritten beherrschten die deutschen Schriftgießereien die Bleisatz-Zeit auf dem europäischen Kontinent — lassen wir die englische Insel einmal außen vor. Allerdings gab es da noch die holländische Lettergieterij Amsterdam. Deren wohl berühmteste Schrift war die Mistral, die auch in Deutschland (und übrigens auch in England) viele Freunde fand.
Als sich in der zweiten Hälfte der Fünfziger Jahre in Deutschland der „Kampf um die neue, moderne Grotesk“ zuspitzte — die Bauersche Gießerei hatte ab 1957 mit Einführung ihrer modernen Folio-Grotesk einen beachtlichen Marktanteil der seit 1898 fest etablierten Akzidenz-Grotesk der Berthold AG übernehmen können, D. Stempel konnte erst 1961, dann aber mit überragendem Erfolg, mit der Helvetica kontern, ansonsten gab es nur die Vorkriegs-Futura als Alternative, die vielen Druckereien als zwar akzeptierte, aber als zuwenig neutrale Grundschrift angesehene Grotesk behandelten, schenkte die Lettergieterij Amsterdam dem europäischen Markt die Mercator, entworfen von Dick Dooijes, dem wir auch die Rondo verdanken. Letztendlich setzte sich dann Anfang der Sechziger Jahre die Helvetica durch — zu recht, wie ich meine. Die Schriftfamilie der Mercator umfaßte folgende Versionen: normal, fett, kursiv, kursiv fett, kursiv schmalfett, mager, schmalmager. Mir würden als Setzer hier die halbfetten Versionen fehlen, aber dies nur am Rande. Noch ein thematischer Schlenker: Betrachten wir typographisch die Fünfziger und Sechziger Jahre und die dominierende Stellung der deutschen Schriftgießereien, dann meinen wir immer die BRD-Schriftgießereien — zumindest wir westdeutsche Typographen reagieren hier wie aufgrund eines pawlow'schen Reflexes: Wir blenden die DDR aus. Dabei hatte die DDR mit der Super-Grotesk von der Schriftguß A.-G., die Arno Drescher entworfen hatte und die, wie alle ehemaligen Schriftgießereien in Mitteldeutschland, Ende der Vierziger Jahre zwangskollektiviert und unter dem Dach des VEB TypArt, Dresden eine neue Heimat fanden, eine sehr ästhetische und gut ausgebaute Grotesk zur Verfügung. Gut, der Name der Schrift klang bzw. klingt in unseren Ohren deplaziert — ob nun in den Sechziger Jahren oder heute. Aber das kann Arno Drescher im Jahre 1930 nun wirklich nicht vorausgesehen haben. Meine Frage an alle Typographen unter den Lesern meines Tagebuches, die aus Mitteldeutschland stammen: War es der DDR nicht erlaubt, Produkte in der BRD zu vermarkten? Nur so kann ich mir erklären, daß die SG hier im Westen nicht hat Fuß fassen können. Sie wurde ja hier gar nicht vermarktet. Gab es da einen Boykott des Westens? Oder wollte die DDR nicht? Das wäre doch eine wunderbare Devisen-Einnahmequelle gewesen.
Erinnern Sie sich an den Setzerei-Bestand, von dessen Übernahme ich am 28. Oktober berichtete? Ich hatte mich recht skeptisch bei der ersten Bewertung des Bestandes geäußert. Tatsächlich konnten wir nach sorgfältiger Prüfung auch keinen der übernommenen Schriftschnitte in unsere Angebotspalette übernehmen. So ist es halt manchmal. Der gesamte (unvollständige und/oder abgenutzte Schriftenbestand) mußte zurück ins Blei (wurde eingeschmolzen), einige leere Schränke werden mittelfristig die Kosten decken und das war's dann halt. Abhaken und weitermachen... Ja, denkste... heute fand ich in einer unscheinbaren schweren Blechschublade neben einer Menge Krimskrams vier Sätze mit jeweils zwei Schriftenpaketen einer 16 p Mercator normal — gußfrisch, original verpackt sowie eine 24seitige Schriftmuster-Broschüre. Jeder Schriftschnitt wiegt 5,0 kg. Also habe ich hier 20 kg Neuschrift. Der normale Verkaufspreis liegt bei 70 Euro/kg. Mit anderen Worten: Die Kosten für die Übernahme des Bestandes sind durch diese 20 kg (von insgesamt wohl 1,5 t) nicht nur gedeckt, sondern es bleiben sogar 3,50 Euro Gewinn hängen, die für eine Tasse Kaffee reichen.
Schriftmuster-Broschüre Mercator, Lettergieterij Amsterdam Mercator normal, 16 p Gruppe VI - Serifenlose Linear-Antiqua Lettergieterij Amsterdam Erstguß 1958 Dick Dooijes
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Kommentare
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... ach ja, die Typoart-Schriften, das ist auch so ein unerschöpfliches Thema ... Inzwischen sind ja viele DDR-Schriften sogar digital verfügbar: diejenigen von Karl-Heinz Lange erschienen zum Beispiel - vom Meister selbst überarbeitet und erweitert - bei Ole Schäfers Prime Type Library, kurz PTL. Dazu gehören Minimala, Publicala und auch die Superla. Lange hat noch zu DDR-Zeiten (1984) Arno Dreschers Super Grotesk für den Typoart-Fotosatz bearbeitet.
Schrift-Bedarf bestand ja insgesamt eher in der DDR. Da gab es für Schriftgestalter dann Aufträge wie: ?Mach uns doch mal so eine Art Excelsior, eine Art Optima? usw. Das war im Grunde glatter Schriften-Klau. Die Eigenständigkeit und Qualität der so entstehenden Schriften hing vom Können der Gestalter ab, und die waren bekanntlich bestens ausgebildet.
Reichlich Infos zum Thema Typoart gibt es auch bei Elsner & Flake.
Über eines bin ich gleich am Anfang des wieder einmal sehr lesenswerten Textes gestolpert: Die Mistral ist als die berühmteste Schrift der Lettergieterij Amsterdam genannt. Sie wurde aber doch ursprünglich von Roger Excoffon für die Fonderie Olive entworfen. Die Amsterdamer haben sie später (wann?) wohl in ihr Programm aufgenommen (Lizenz gekauft?) - Genaueres weiß ich dazu nicht.
Vielen Dank für wieder einmal schöne Anregungen zum Nachdenken ...
Mit herzlichem Schriftsetzergruß
von Silvia W. |
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— Silvia Werfel · 06. 11. 2009 · |
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Danke für die Aufklärung bezüglich der Mistral. Ich recherchiere nie großartig, wenn ich Artikel für mein Tagebuch schreibe. Das entspräche nicht meinen Auffassungen eines Tagebuches oder von mir aus auch eines Blogs. Wohlfundierte und selbstredend gut recherchierte Fachartikel, die in Fachpublikationen erscheinen, sind eine Sache ? Tagebuch-Einträge schreiben ist für mich ein weng wie ein spontanes Abrufen all dessen, was ich spontan an Wissen gespeichert habe. Ich lasse es heraus und vermische es bewußt mit subjektiven Eindrücken, möchte den Artikel also emotional halten. Durch diese Spontanität schleichen sich dann solche Fehler wie meine Aussage über die Herkunft der Mistral ein, für dessen Berichtigung ich aufrichtig danke.
Rheinländer sind die erträglichsten unter den Preußen, weil sie dem Prinzip des Laissez-faire [lese?f??] huldigen. Ein wunderhübsches Wortgebilde, nicht wahr?
Zurück zum Thema:
Ja, den recht freizügigen Umgang mit den Rechten an (BRD)Schriften in der DDR kenne ich. Hatte einmal einen bitterlichen Streit mit einem mitteldeutschen Kollegen, dem ich ? nichts böses ahnend oder meinend ? die frappierende Ähnlichkeit in der Idee und Anmutung von Georg Trumps Delphin mit der Typo-Skript von Hildegard Korger aufzeigte. Er empfand das als nicht sehr witzig. Aber so war es auch von mir gar nicht gemeint. Egal, jetzt.
Nein, was ich wissen will: Die TypoArt hatte doch eindeutig die Rechte an der Super-Grotesk. Warum haben sie diese nicht Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre in der BRD vermarktet? Sie hätten ein gutes Geschäft machen können, Devisen verdienen und so. Ging das nicht wegen des Kalten Krieges oder hat man dort die Möglichkeit nicht erkannt? Oder hätte die BRD das nicht erlaubt? Das interessiert mich. |
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— Georg Kraus · 06. 11. 2009 · |
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Hallo Georg Kraus,
Da bin ich wieder, nun aber aus Paris. Und jetzt gehe ich weiter auf Englisch. Dus ist schneller für mich und nicht so viele Fehler.
Mistral was designed by Excoffon for Fonderie Olive in Marseille and Paris, I attach a folder with some photographs of typespecimen that I have from them. They are not dated, but I can work out from the examples of printed matter in them, that they're from 1957-1958. Lettergieterij Tetterode (a.k.a Lettergieterij Amsterdam) bought matrices from Fonderie Olive. They also cast the Choc if I'm not mistaken.
Dooijes was the pupil of Sjoerd de Roos, who was the first esthetical advisor to the LA foundry. Dooijes started there at the outbreak of the second world war and finished some typefaces that Imre Reiner had started.
When I went to artschool in Amsterdam, he was the interim director, but didn't stay long. He retired soon after and spent the last years of his life writing about his career and experience. Some of the books have been published by Uitgeverij de Buitenkant, who specialize in books on typography and type design.
My wife and I are in the process of returning to Paris, where we have more work opportunities then in Edinburgh. The printing shop has been packed up temporarily and has to wait until next year.
I follow you on a daily basis, and have to refrain myself from buying right now, I don't know where to put it. Unless it's Stempel Garamond, 14 or 16 pt.
All the best, please keep in touch,
Thomas Gravemaker |
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— thomas gravemaker · 06. 11. 2009 · |
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And something I forgot, Dick Dooijes also designed the Lectura, which was one of the last typefaces designed for a typefoundry, it was issued at the same time for handsetting, Linotype and photosetting. |
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— thomas gravemaker · 06. 11. 2009 · |
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