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Meine Liebe gehörte immer der Zeitung


28.11.2009

Seit vielen Jahren selbstverständlich: Zeitungsumbruch am Bildschirm.

Jeder Redakteur bei den Tageszeitungen schreibt heute seine Artikel in einen layoutmäßig bereits vorbereiteten File, der alle notwendigen Satz- und Umbruch-Makros für ihn unsichtbar vorhält. Der Text erscheint in WYSIWYG (What You See Is What You Get), also in Echtzeit darstellungsgetreu auf seinem Monitor. Über- und Untersatz werden ihm angezeigt, er kürzt oder verlängert den Text selbst. Letzlich schickt er seinen Artikel zum CvD (Chef vom Dienst). Das ist der wichtigste Mann in einer Redaktion. Er ist verantwortlich dafür, daß alle Artikel zeitnah fertig werden, redigiert, veranlaßt Korrekturen usw. Danach gibt er die fertig umbrochene Seite frei und sie geht in den Druck. Effizientes Arbeiten, wie es heutzutage üblich ist in den Redaktionen.

 1984 sah das noch anders aus. Damals wurden Spaltentexte belichtet, Überschriften separat abgesetzt und zusammen mit Bildern, Tabellen, Logos in die Mettage gegeben, wo der Kollege Metteur dann den Klebeumbruch absolvierte. Eine ungemein aufwendige Arbeit, die jeden Tag auf's neue erbracht werden mußte. Je nachdem, wie oft der Layouter der Zeitung beschloss, seine Daseinsberechtigung nachzuweisen und ein neues Layout zu gestalten.

Ich möchte nun keineswegs behaupten, daß wir im Verlag irgendetwas neues „erfunden“ haben. Aber wir haben immerhin die bereits vorhandenen technischen Möglichkeiten unseren Bedürfnissen angepaßt und eine Ganzseiten-Erfassung und -Belichtung (ohne Bilder) auf die Beine gestellt — meines Wissens nach erstmalig in dieser Zeit. Und wir fanden damit Anerkennung bei der Creme de la Creme der Zeitungshäuser. Denn genau dort belichteten wir unsere Ganzseiten-Ausgaben: Druckzentrum Neu-Isenburg, WAZ, Kieler Nachrichten, Berliner Morgenpost, Augsburger Nachrichten. Aber bevor sie jetzt verwirrt weiterklicken (Das immer drohende Schicksal eines jeden „Bloggers“.), erkläre ich kurz, worum es überhaupt ging:

 1094 war ich 29 Jahre jung. Mein Dasein als Fotosetzer befriedigte mich letztendlich nicht mehr. Ich bin kein begnadeter Kreativer, mich hat es immer fasziniert, Arbeitsabläufe zu definieren und in Gang zu bringen. Aber ich bin auch nicht gern ausschließlich Produktioner. Wenn es einmal so läuft, wie ich es haben will, dann beginnt es mich zu langweilen. Ich bin der geborene Projektleiter. Nach meiner Bleisatz-Zeit habe ich für einen Graphischen Betrieb in Düsseldorf eine Photosetzerei aufgebaut. Und dann, Ende 1983, stand ich mit meinem zukünftigen Chef in einem schmalen Zimmerschlauch einer Gründer-Villa in einer von Düsseldorfs nobelsten Wohngegenden, er rauchte eine Al Capone Junior und zeigte damit begeistert auf einen roten Teststecker einer Datex-P Verbindung an der Wand. „Hier sollen Sie die Setzerei aufbauen.“ Ah, ja. 14 qm, ein großer Monitor mit Tastatur, holzgetäfelte Wände. Was will der Mann von mir?

Kurzum: Roland Ermrich von der e.r. mediengesellschaft war ein Visionär. Bildungsbürger aus gutem Hause, mit besten Kontakten zu den wirklich richtigen Leuten in der SPD und deren organisatorischen Umfeld und mit Geld — und genau damit realisierte er nun eine seiner Visionen: Eine Wahlkampfzeitung für die SPD, die jeweils an den vier Wochenenden vor den Wahlen erscheint, aufgemacht wie eine Tageszeitung, geschrieben von den der SPD nahestehenden Vollprofis der Journaille, deren Namensliste sich las wie ein Who's Who der Zeitungswelt in der Mitte der 80er Jahre. Wolfgang Clemens war damals Chefredakteur bei der Hamburger MoPo (Morgenpost) und wurde auch der redaktionell Verantwortliche für das Berliner ZaS-Projekt.. Mich interessiert Clemens nicht als Politiker, als Zeitungsmann ist er ein absoluter Profi. Er beherrscht sein Metier, er kann führen, er weiß genau, wann er einen mit einem Klaps auf die Schulter aufmuntern und wann er ihn mit einem Tritt in den Allerwertesten antreiben muß. Roland Ermrich kannte auch die damals Verantwortlichen bei den großen Tageszeitungen, allen voran bei der WAZ, intern im Zeitungs-Milieu „Alte Tante WAZ“ genannt — halb in Ehrfurcht, halb spöttisch, halb furchtsam. Das sind drei Hälften? Ach ja?! Genau so war die WAZ. Man wußte nie, welche der drei Hälften einem auf dem Flur entgegenkam...

Und in diese Profi-Welt kam nun ich: 29 Jahre jung, frisch verheiratet, keine Ahnung von der EDV. Und ich sollte eine Zeitungssetzerei aufbauen, kannte bisher nur Layoutsetzereien und Bleisatz. Mensch, ich habe mich sofort mit allem, was ich hatte, auf diese Aufgabe geworfen. Ich glaube, ich hätte sogar noch Geld mitgebracht, um dabei sein zu dürfen.

 Ich habe dann innerhalb von sechs Monaten eine solche Zeitungssetzerei auf die Beine gestellt. Die Abbildungen zeigen eine Spiel-Seite, die wir mit dem Layout des Berliner SPD-Wahlkampfes im Jahr 1984 zum Abschied an die TAZ (Tageszeitung) übergeben haben. Wir hatten dort Rechnerzeit gemietet, unsere eigene Software für den Artikel- und Ganzseiten-Umbruch mitgebracht und installiert. Mengensatz wurde von Erfasserinnen vor Ort eingegeben oder per Akkustikkoppler (mit 300 Baud) von der SPD-Zentrale in Berlin übermittelt und im Großrechner verarbeitet. Immerhin war das eine tagesaktuelle Zeitung im Berliner Format (315 mm x 470 mm). Der Titel und die Rückseite waren zweifarbig schwarz/rot, wir hatten einen aktuellen Politik- und Sportteil. D.h., die Redakteure saßen am Produktions-Samstag im Unterbezirk der SPD, schrieben ihre Artikel und schickten uns den ASCII-Text per Akkustik-Koppler. Parallel hatten wir über die Woche Eingabe-Einheiten an bestimmte Ortsvereine ausgegeben und dort wurden nicht-aktuelle Artikel auf 8" Disketten erfaßt, die dann zu uns gebracht und ebenfalls ins System übernommen wurden. Wir haben auf diese Weise insgesamt vier Wahlkämpfe aktiv unterstützt, drei Landtagswahlen, eine Bundestagswahl. Dreh- und Angelpunkt war die Setzerei. Das Faszinierende an solchen Großprojekten für mich ist, daß man praktisch am Nullpunkt, ausgerüstet mit Kugelschreiber und Notizblock, mit der Planung beginnt. Man bekommt eine Fix-Termin für die Fertigstellung, der nicht zur Diskussion gestellt werden kann. Man hat einen „Point Of No Return“, also einen Zeitpunkt, bis zu dem man im schlimmsten Fall noch alles abblasen kann, weil nicht vorhersehbare Probleme auftauchten, die eine Fertigstellung unmöglich machten. Bis zu diesem Zeitpunkt hätte man dann noch eine Alternative entwickeln können (also z.B. den Gesamtauftrag mit riesigen Verlusten außer Haus geben). War dieser Zeitpunkt überschritten, gab es kein Zurück mehr, es konnte nur noch vorwärts gehen. Keine Fremdfirma hätte dann noch einspringen können und innerhalb der relativ kurzen Zeit eine Alternative anbieten können. Wäre so ein Großprojekt gescheitert, dann wäre das für den Verlag verheerend gewesen. Ich liebte diese Arbeit.

Für den Artikel-Umbruch hatte der EDV-Anbieter damals ein eigenes Produkt entwickelt, wir waren Beta-Side-Installation. So nennt man den ersten Großtest einer neuen Software außerhalb des Hersteller-Hauses. Ich hatte mir das Programm angeschaut und war mit einigen typographischen Bedingungen sehr unzufrieden. Der Hersteller kam aus der allgemeinen EDV, verstand meine Kritik überhaupt nicht und erst mit gehörigem Druck wurde dann nachgebessert. Als ich dann noch mit der Idee kam, daß man den Artikelumbruch zum Seitenumbruch erweitern könne, ging die Bereitschaft des Herstellers zur Mitarbeit gegen Null. Ich habe diesen Programmteil dann selbst entwickelt. Da ich weder Programmierer bin, noch Informatiker, habe Tage und Nächte vor dem Monitor verbracht, aber dann... voilá...

Zwei Jahre war ich bei e.r. medien. Eine aufreibende Zeit und mein Sprungbrett in meine Karriere bei Atex, dem führenden Hersteller für Redaktionssysteme, zu dem ich dann ging. Eine letzte lustige Geschichte, die hier gerade paßt: Zum Bundestagswahlkampf 1984 mußten wir eine ungemein hohe Auflage drucken lassen und hatten entsprechende Aufträge mit so ziemlich allen großen Zeitunshäusern in Deutschland abgeschlossen, die solche Kapazitäten überhaupt noch zusätzlich zu ihrer Tagesproduktion bewältigen konnten. Die Übermittlung der Daten der von uns gelieferten Ganzseiten wurde über Datex-P abgewickelt, damals das schnellste zur Verfügung stehende Datenübermittlungsprotokoll. Zwecks Abstimmung organisierten wir Telefonkonferenzen mit den EDV-Leitern dieser Zeitungshäuser. Es ist organisatorisch gar nicht möglich, diese wichtigen Schlüsselfiguren persönlich an einen Tisch zu bekommen. Kieler Nachrichten, Madsack Hannover, WAZ Essen, Druckzentrum Neu-Isenburg, Druckhaus Augsburg — ja, und ich. Der Georg Kraus aus Düsseldorf. Als Setzereileiter mußte ich diese Telefonkonferenz leiten. Ich hatte Bammel bis dorthinaus. Telefonkonferenzen mußten damals bei der Deutschen Telekom beantragt werden. Mein Eingangssatz war so falsch, daß es schon fast katastrophal war: „Guten Tag, meine Herren. Sind alle dazugeschaltet?“ — Und schon ging das Geschnatter los. Diese EDV-Leiter kanntenn sich fast alle untereinander und trotz aller Konkurrenz respektierte man sich. Jeder grüßte jeden, jeder wurde lauter, um verstanden zu werden — und ich schwitzte Blut und Wasser und schielte zu meinem Chef hinüber, der mit seiner unvermeintlichen Al Capone Junior (das ist übrigens eine Zigarre oder ein Zigarillo, ich weiß nicht genau) in der Ecke saß und mir gütig zunickte. Das wiederum machte mich so wütend, daß ich ins Telefon blaffte „Ruhe jetzt, verdammt nochmal. Wir sind doch hier nicht im Kindergarten.“ Kein Mucks. Stille. Dann Herr Neuendorf von der WAZ: „Alles klar, Herr Kraus. Neuendorf von der WAZ hier. Gehen Sie Ihre Liste durch und fragen Sie die Anwesenheit ab.“ Danach klappte das wunderbar und wir konnten die Termine für die Datentransfer-Tests vereinbaren. Idee war ja, nur einmal zu senden und parallel an acht Standorten die Daten zu empfangen. Es hat alles wunderbar funktioniert. Herr Neuendorf war dann später auch derjenige, der mich dem Software-Leiter von Atex empfahl, wo ich dann letztendlich als einer von 13 Projektleitern landete. Aber das ist eine andere Geschichte...


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