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Meine Liebe gehörte immer der Zeitung
Seit vielen Jahren selbstverständlich: Zeitungsumbruch am Bildschirm. Jeder Redakteur bei den Tageszeitungen schreibt heute seine Artikel in einen layoutmäßig bereits vorbereiteten File, der alle notwendigen Satz- und Umbruch-Makros für ihn unsichtbar vorhält. Der Text erscheint in WYSIWYG (What You See Is What You Get), also in Echtzeit darstellungsgetreu auf seinem Monitor. Über- und Untersatz werden ihm angezeigt, er kürzt oder verlängert den Text selbst. Letzlich schickt er seinen Artikel zum CvD (Chef vom Dienst). Das ist der wichtigste Mann in einer Redaktion. Er ist verantwortlich dafür, daß alle Artikel zeitnah fertig werden, redigiert, veranlaßt Korrekturen usw. Danach gibt er die fertig umbrochene Seite frei und sie geht in den Druck. Effizientes Arbeiten, wie es heutzutage üblich ist in den Redaktionen.
Ich möchte nun keineswegs behaupten, daß wir im Verlag irgendetwas neues „erfunden“ haben. Aber wir haben immerhin die bereits vorhandenen technischen Möglichkeiten unseren Bedürfnissen angepaßt und eine Ganzseiten-Erfassung und -Belichtung (ohne Bilder) auf die Beine gestellt — meines Wissens nach erstmalig in dieser Zeit. Und wir fanden damit Anerkennung bei der Creme de la Creme der Zeitungshäuser. Denn genau dort belichteten wir unsere Ganzseiten-Ausgaben: Druckzentrum Neu-Isenburg, WAZ, Kieler Nachrichten, Berliner Morgenpost, Augsburger Nachrichten. Aber bevor sie jetzt verwirrt weiterklicken (Das immer drohende Schicksal eines jeden „Bloggers“.), erkläre ich kurz, worum es überhaupt ging:
Kurzum: Roland Ermrich von der e.r. mediengesellschaft war ein Visionär. Bildungsbürger aus gutem Hause, mit besten Kontakten zu den wirklich richtigen Leuten in der SPD und deren organisatorischen Umfeld und mit Geld — und genau damit realisierte er nun eine seiner Visionen: Eine Wahlkampfzeitung für die SPD, die jeweils an den vier Wochenenden vor den Wahlen erscheint, aufgemacht wie eine Tageszeitung, geschrieben von den der SPD nahestehenden Vollprofis der Journaille, deren Namensliste sich las wie ein Who's Who der Zeitungswelt in der Mitte der 80er Jahre. Wolfgang Clemens war damals Chefredakteur bei der Hamburger MoPo (Morgenpost) und wurde auch der redaktionell Verantwortliche für das Berliner ZaS-Projekt.. Mich interessiert Clemens nicht als Politiker, als Zeitungsmann ist er ein absoluter Profi. Er beherrscht sein Metier, er kann führen, er weiß genau, wann er einen mit einem Klaps auf die Schulter aufmuntern und wann er ihn mit einem Tritt in den Allerwertesten antreiben muß. Roland Ermrich kannte auch die damals Verantwortlichen bei den großen Tageszeitungen, allen voran bei der WAZ, intern im Zeitungs-Milieu „Alte Tante WAZ“ genannt — halb in Ehrfurcht, halb spöttisch, halb furchtsam. Das sind drei Hälften? Ach ja?! Genau so war die WAZ. Man wußte nie, welche der drei Hälften einem auf dem Flur entgegenkam... Und in diese Profi-Welt kam nun ich: 29 Jahre jung, frisch verheiratet, keine Ahnung von der EDV. Und ich sollte eine Zeitungssetzerei aufbauen, kannte bisher nur Layoutsetzereien und Bleisatz. Mensch, ich habe mich sofort mit allem, was ich hatte, auf diese Aufgabe geworfen. Ich glaube, ich hätte sogar noch Geld mitgebracht, um dabei sein zu dürfen.
Für den Artikel-Umbruch hatte der EDV-Anbieter damals ein eigenes Produkt entwickelt, wir waren Beta-Side-Installation. So nennt man den ersten Großtest einer neuen Software außerhalb des Hersteller-Hauses. Ich hatte mir das Programm angeschaut und war mit einigen typographischen Bedingungen sehr unzufrieden. Der Hersteller kam aus der allgemeinen EDV, verstand meine Kritik überhaupt nicht und erst mit gehörigem Druck wurde dann nachgebessert. Als ich dann noch mit der Idee kam, daß man den Artikelumbruch zum Seitenumbruch erweitern könne, ging die Bereitschaft des Herstellers zur Mitarbeit gegen Null. Ich habe diesen Programmteil dann selbst entwickelt. Da ich weder Programmierer bin, noch Informatiker, habe Tage und Nächte vor dem Monitor verbracht, aber dann... voilá... Zwei Jahre war ich bei e.r. medien. Eine aufreibende Zeit und mein Sprungbrett in meine Karriere bei Atex, dem führenden Hersteller für Redaktionssysteme, zu dem ich dann ging. Eine letzte lustige Geschichte, die hier gerade paßt: Zum Bundestagswahlkampf 1984 mußten wir eine ungemein hohe Auflage drucken lassen und hatten entsprechende Aufträge mit so ziemlich allen großen Zeitunshäusern in Deutschland abgeschlossen, die solche Kapazitäten überhaupt noch zusätzlich zu ihrer Tagesproduktion bewältigen konnten. Die Übermittlung der Daten der von uns gelieferten Ganzseiten wurde über Datex-P abgewickelt, damals das schnellste zur Verfügung stehende Datenübermittlungsprotokoll. Zwecks Abstimmung organisierten wir Telefonkonferenzen mit den EDV-Leitern dieser Zeitungshäuser. Es ist organisatorisch gar nicht möglich, diese wichtigen Schlüsselfiguren persönlich an einen Tisch zu bekommen. Kieler Nachrichten, Madsack Hannover, WAZ Essen, Druckzentrum Neu-Isenburg, Druckhaus Augsburg — ja, und ich. Der Georg Kraus aus Düsseldorf. Als Setzereileiter mußte ich diese Telefonkonferenz leiten. Ich hatte Bammel bis dorthinaus. Telefonkonferenzen mußten damals bei der Deutschen Telekom beantragt werden. Mein Eingangssatz war so falsch, daß es schon fast katastrophal war: „Guten Tag, meine Herren. Sind alle dazugeschaltet?“ — Und schon ging das Geschnatter los. Diese EDV-Leiter kanntenn sich fast alle untereinander und trotz aller Konkurrenz respektierte man sich. Jeder grüßte jeden, jeder wurde lauter, um verstanden zu werden — und ich schwitzte Blut und Wasser und schielte zu meinem Chef hinüber, der mit seiner unvermeintlichen Al Capone Junior (das ist übrigens eine Zigarre oder ein Zigarillo, ich weiß nicht genau) in der Ecke saß und mir gütig zunickte. Das wiederum machte mich so wütend, daß ich ins Telefon blaffte „Ruhe jetzt, verdammt nochmal. Wir sind doch hier nicht im Kindergarten.“ Kein Mucks. Stille. Dann Herr Neuendorf von der WAZ: „Alles klar, Herr Kraus. Neuendorf von der WAZ hier. Gehen Sie Ihre Liste durch und fragen Sie die Anwesenheit ab.“ Danach klappte das wunderbar und wir konnten die Termine für die Datentransfer-Tests vereinbaren. Idee war ja, nur einmal zu senden und parallel an acht Standorten die Daten zu empfangen. Es hat alles wunderbar funktioniert. Herr Neuendorf war dann später auch derjenige, der mich dem Software-Leiter von Atex empfahl, wo ich dann letztendlich als einer von 13 Projektleitern landete. Aber das ist eine andere Geschichte... < zum Inhaltsverzeichnis Kommentare
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