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Kleine Setzerei übernommen


28.11.2009

 Der demographische Faktor, um nicht auszusterben, liegt bei einem Volk bei 2,11. Jedes Volk, das langfristig weniger Nachwuchs zeugt, stirbt aus. So einfach ist das. Tatsächlich liegt der demographische Faktor in der BRD bei 1,3. Das bedeutet: Pro Paar werden nur 1,3 Kinder gezeugt und geboren. Das ist definitiv zu wenig. Aber so ist das eben.

Der demongraphische Faktor des Preußischen Bleisatz-Magazins liegt bei 1,5. Soviele Setzerei-Bestände müssen wir durchschnittlich im Monat übenehmen, damit es uns richtig gut geht. Betriebswirtschaftlich bedeutet „richtig gut gehen“: Laufende Kosten bezahlen, Altlasten abbauen, Rücklagen schaffen. Ach ja: Und noch ein bißchen Geld privat aus dem Betrieb ziehen. Soviel, daß es halt zum Leben reicht. Statt des Faktors 1,5 leben wir derzeit mit einem von 0,8. Es geht dennoch irgendwie, weil einerseits z.B. die Setzerei der Eremiten-Presse hereinkam mit ihrem phantastischen Bestand. Andererseits, weil man sich halt auch mal einschränken kann, wenn es sein muß. Nun, ich will hier wirklich nicht jammern. Es geht seit etwa einem halben Jahr spürbar aufwärts. Ab Januar oder Februar sind wir da, wo wir sein müssen.

 Heute haben wir eine kleine Setzerei von einer Stadtverwaltung in der Nähe übernommen. Es werden wohl so um die 1,5 t Material sein. Wenn der Bestand hier ankommt, sieht es immer aus, als handele es sich nur um altes Gerümpel. Und wenn ich mir z.B. die beiden Einzelschränke mit Schrägpult anschaue, die irgendjemand mit hellbrauner Farbe gestrichen hat, dann kommen mir schon wieder fast die Tränen. Was soll man mit solchen Schränken noch anfangen? Wenn sie innen sauber sind, vielleicht über Ebay für ganz kleines rausgeben? Ansonsten kommen sie in den Holz.-Container, Sondermüll. Die Halle ist nicht groß genug, als daß wir alles lagern können, was vielleicht einmal irgendwann für kleines Geld einen Käufer findet. Die rund 150 qm große Lagerhalle ist ein Durchlauferhitzer. Alles, was reinkommt, muß sofort sortiert werden und was nicht mehr verkäuflich ist, muß in die entsprechenden Abfall-Container entsorgt werden. Schnell rein, schnell raus. Verkäufliche Ware kommt in die Vorlager I und II und können dort ruhig ein Jahr auf ihren neuen Besitzer warten. Unverkäufliche Ware belegt nur Paletten-Stellplätze und von denen haben wir exakt 32 Stück. Fast ein Drittel davon sind belegt mit bereits verkaufter Ware, die wir aus Kulanz für den Kunden noch eine Weile zwischenlagern. Mittlerweile eine teure Kulanz für uns. Ein Drittel ist viel zu viel. Bis Ende des Jahres muß ich dieses Problem unbedingt lösen.

 Bei der „losen Ware“ die auf einigen Paletten gestapelt sind, handelt es sich zumeist um Blindmaterial, Druckerstege, Unterlegstege und andere Kleinmaterialien, manchmal auch um kompletten Maschinensatz-Stehsatz. Das Zeugs kommt alles in die Tonne zum Einschmelzen. Die „Schätze“ finden sich in den Schubladen. Ich kenne den genauen Umfang noch nicht, aber so, wie es aussieht, liegen dort etliche Pakete mit gußfrischem Ausschluß in allen Größen und wenn mich nicht alles täuscht, auch Schriftenpakete direkt von der Schriftgießerei. Nein, nein... besser noch nicht freuen. Vielleicht sind es nur Defekte. Das sind nachbestellte Einzellettern, also z.B. 1 kg Gemeine-e aus der 8 p halbfetten Helvetica oder so etwas. Solche Ware im Online-Magazin anzubieten, lohnt sich nicht. Das geht zurück ins Blei. Kennen Sie den Ausdruck eigentlich? Im Englischen sagen wir „Sending back to lead“. Gemeint ist: einschmelzen. Das hört kein Buchdruck-Freund gern, aber unverkäufliche Ware müssen wir einschmelzen, der Grund findet sich schon in der Definition: unverkäuflich. Dazu gehören auch Pakete mit 3 p auf 10 p Ausschluß — also Wortzwischenräume für eine 10 p Schrift. Wir hatten einmal 20 solcher Pakete neugegossener Ausschluß-Elemente in einem Bestand, ein jedes 2 kg schwer. Ich habe sie zurück ins Blei gegeben. Was will man für ein solches Paket verlangen? 10 Euro? Aber 1 kg sortierter Ausschluß kostet nur 25 Euro. Also 8 Euro. Rechnet man jetzt die Verpackerei und die Arbeit mit der Auftragsabwicklung, dann rechnet sich ein Verkauf einfach nicht. Und wer, bitte, kauft schon regelmäßig genau diese Art Ausschluß?

 Stehpult-Schränke sehen pfiffig aus. Die könnten auch einen Kaligraphen interessieren oder jemand anderen, der gern im Stehen arbeitet. Ach und schauen Sie mal: Da ist noch ein Arbeitsplatz für Schriftsetzer mit ausklappbarem Hocker. Die kamen Mitte der Siebziger Jahre auf, haben sich aber nie durchgesetzt. Wir sind Setzer, wir arbeiten im Stehen. Zu den wenigen Arbeiten, die wir im Sitzen ausführen, gehört das Korrekturlesen. Aber ich hätte zehnmal lieber einen zusätzlichen Satzschrank in meiner Setzerei als einen solchen Hocker, der mir mindestens zehn Setzkästen-Plätze raubt. Morgen fängt das Sortieren und entsorgen an. Schwere körperliche Arbeit, die wir wegen des Blei-Staubes völlig vermummt durchführen: Atemschutzmaske, Mütze (Blei geht leicht über die Haare ins Blut), Rückenstützer und Arbeitsstiefel mit Stahleinlagen sind selbstverständlich.

 Das Blei der Lettern ist nicht sonderlich gefährlich, solange Sie es nicht gerade lutschen. Aber der Bleistaub, der sich seit Jahrzehnten in den Setzkästen gesammelt hat und hohe Wolken bildet, wenn wir die Setzkästen mit den Lettern, die nicht mehr verwendbar sind, in eine der blauen Tonnen kippen, die man im Hintergrund sehen kann.

Erste Zwischenbilanz: Das wird sehr knapp werden. Ich habe zuviel bezahlt. Wenn ich den Kaufpreis und die Kosten für die Abholung addiere, dann werde ich wohl durch den Verkauf zwar diese Kosten wieder hereinholen, aber damit habe ich selbst dann noch nicht einen Cent verdient. Bleibt zu hoffen, daß in den Schubladen ein paar schöne Schriften lagern, sonst sieht es diesmal nicht so gut aus. Na, man wird sehen...


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