Die ältesten zwei Holzlettern, die ich besitze, je ein Versal-G und ein Versal-K, habe ich vor einigen Jahren bei Ebay „geschossen“. Schon auf den Angebotsbildern war zu erkennen, daß es sich hier nicht um maschinell hergestellte Lettern handelt. Der Korpus der Lettern hat eine Größe von 28 Cicero, das entspricht 126 mm. Die Lettern sind nicht maschinell gefräßt, sondern manuell gestochen. Martin Z. Schröder, dem ich aus tiefer Dankbarkeit dafür, daß es ihn gibt, einmal einen solchen Letter geschenkt habe, beschrieb den Letter als Skulptur, also als Kunstwerk. Ich habe überhaupt keine Vorstellung davon wie alt diese Gotischen Kanzlei-Holzlettern sind. Vielleicht weiß ja ein Leser mehr?
Die ältesten maschinell hergestellten Holzlettern, die je durch meine Händler-Hände gingen, stammten aus der Zeit um 1875. Eine Fette Fraktur, ähnlich diesem Holz-Schriftschnitt, den ich von der Eremiten-Presse übernommen habe.
Holzlettern wurden ab einer Größe von etwa 6 Cicero (27 mm) verwendet, um das Gewicht der Satzformen zu verringern. Solche großen Lettern benötigt man z.B. für den Druck von Plakaten. Bedenkt man nun, daß es in der früheren Zeit keine elektronische Medien gab, so wird klar, daß große gedruckte Zeilen sehr viel häufiger anzutreffen waren als heute. Plakate hingen an Litfaßsäulen, aber in Notzeiten auch überall dort, wo Platz an der Wand war. Mit solchen Lettern wurde der Kriegsausbruch verkündet, Siegesmeldungen, aber auch schreckliche Katastrophen bis hin zum absoluten Zusammenbruch von 1945. Dieser wird übrigens auch schon vielen Jahren umgedeutet. Gern gesehene Lesart ist, daß auch wir, die ganz normalen Deutschen, befreit wurden. Hätten das mal die Holzlettern damals gewußt...
Auch in den sechziger und siebziger Jahren wurden Holzlettern im Buchdruck eingesetzt, Nun maschinell mit Pantographen hergestellt. So konnte man in einem Arbeitsgang mehrere identische Lettern gleichzeitig fräsen.
Mitte der siebziger Jahre bekamen die klassischen Holzlettern Konkurrenz. Die Schriftgießerei Berthold AG in Berlin erfand den Kunststoff Plakadur. Tatsache ist: Mit Plakadur-Lettern kann man sehr viel randgenauer drucken als mit Holzlettern. Sie sind temperatur-beständiger und müssen aus diesem Grund nicht mehr so umständlich zugerichtet werden wie Holzlettern. Ja, man kann besser mit Plakadur-Lettern drucken als mit Holzlettern. Das ist ein Fakt. Was ihnen fehlt, ist das Flair, das Farbenspiel der Holzlettern. Gerade heute habe ich einen 36 p großen Grotesk-Schriftschnitt aus Plakadur ins Online-Magazin eingestellt. Eine ganz ungewöhnlich niedrige Schriftgröße für einen solchen Schriftschnitt. Schon vor einigen Jahren war mir aufgefallen, daß solche Holzlettern oft von Pädagogen oder auch von Kunden aus sozialen oder medizinischen Berufen gekauft wurden. Solche Lettern werden wegen des Haptischen wohl auch gern und erfolgreich bei Therapien z.B. für Kinder und Jugendliche eingesetzt.
Gut, Holzlettern haben kein Bewußtsein. Aber Holzlettern sind so etwas wie lebende Erinnerungen. Man spürt, daß der Letter lebt, wenn man ihn anfaßt. Ja, man hat sofort das Bedürfnis, ihn in die Hand zu nehmen, wenn man einen Holzletter sieht. Komplette Schriftschnitte sind relativ selten. Manchmal werden Sortimente unterschiedlicher Schnitte auf Ebay angeboten. Sie werden heute nicht mehr hergestellt. Natürlich könnte man — sogar besser und genauer und schneller. Nur leider wäre es nicht wirtschaftlich. Sprich: Der Markt ist zu klein. Heute bestimmt der Markt, also die Wirtschaftlichkeit, unser ganzes Leben. Die bestimmt sogar, daß wir als Volk mit einem demographischen Faktor von 1,2 Kindern aussterben werden, weil sich immer weniger deutsche Paare Kinder leisten können. Wie auch? Wenn ganze Berufe, wie z.B. Friseure, kein eigenständiges, selbstfinanziertes Leben ermöglichen, sondern von Hartz IV bezuschußt werden müssen.
Häufig bekomme ich unvollständige Schriftschnitte mit Holzlettern herein. Viel zu schade, um sie wegzuwerfen, kann ich sie dennoch nicht im Online-Magazin einstellen. Selbstironisch formuliert: Es wäre nicht wirtschaftlich, einzelne Lettern zu verkaufen. Aber das muß auch gar nicht sein. Aus solchen Lettern baue ich dann halt meine Collagen. Derzeit steht sogar einmal wieder eine zum Verkauf.
Noch einmal kurz zurück zum ausschließlichen Prinzips der Wirtschaftlichkeit unserer heutigen Zeit — bitte entschuldigen Sie, mir geht das schon seit Wochen im Kopf herum. Manchmal wundere ich mich. Denn wir leben doch in einer Epoche des Wohlstandes. Früher, vor dieser Epoche, hatten so gut wie alle Leute Kinder und zumeist mehr als zwei davon. Mein Vater, der seine Gymnasialzeit als 17jähriger Volksdeutscher abbrach, um sich als Freiwilliger zur Wehrmacht zu melden, arbeitete nach dem Krieg bis an sein Lebensende als Kellner mit entsprechendem Verdienst. Wir waren drei Kinder zu Hause — als Vater 42 Jahre alt war, kam dann noch eine Tochter nach, unser Nesthäkchen. Alle vier Kinder haben Oberschulen besucht, unsere Mutter hat sich um unsere Erziehung gekümmert und wir sind immer satt geworden. Damals ging das alles. Heute wäre es nicht mehr möglich. Ich finde das komisch (im Sinne von höchst eigenartig). Ob das mit der Befreiung der Völker zusammenhängt? Naja.
Diese Holzlettern-Schnitte habe ich heute neu ins Online-Magazin eingestellt:
Jugendstil, 6 Cicero HTS
Jugendstil-Versalien, 10 Cicero HTS
Orion-Grotesk Plakadur, 36 p HTS
Plakat-Grotesk, 8 Cicero HTS
Ziffernsatz Plakat-Holzschrift, 8 Cicero HTS