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Heute sind die Buchbinder dran
Der Beruf des Buchbinders ist eng mit dem des Schriftsetzers und des Druckers verbunden. Das erkennt man leicht, wenn man sich ein Buch anschaut. Alle Facharbeiter der Druckvorstufe, des Drucks und der Verarbeitung nach dem Drucken müssen eng zusammenarbeiten. Dennoch muß ich gestehen, daß ich von der Arbeit der Buchbinder recht wenig weiß. Gerade die Arbeiten, die eben nicht direkt mit der Buchproduktion zu tun haben, sind mir nur nebulös vertraut. Das ist übrigens Pater Meinrad. Mein Padre. Buchbinder mit phänomenalem handwerklichem Geschick. Mit einem Ordnungssystem für seine Schriften und Materialien, das dem meinen diametral entgegengesetzt ist. Während ich als Schriftsetzer der peniblen Ordnung anhänge, herrscht in des Padres Griffweite die Spontanität. Mich macht es rasend, wenn ich arbeite und blind nach meiner Ahle greife, weil sie seit 40 Jahren immer rechts oben von meiner Hand liegt... und sie ist nicht da. Ich will ohne Nachzuschauen die Kolumnenschnur gespannt halten und mit der Ahle die Schlaufe greifen und festzurren. Und wenn die Ahle nicht in Griffweite liegt, dann muß ich die gespannte Schnur loslassen, die Ahle holen und die Form neu ausbinden. Besucht mich Pater Meinrad — und seine Besuche gehören für mich zu den angenehmsten Unterbrechnungen meiner Arbeit, die ich mir vorstellen kann — dann ist er hier zu Hause. Er muß nicht fragen, er weiß, daß er alles so nutzen darf, wie er will. Ist er wieder weg, brauche ich einen halben Tag, um alle Geräte und Materialien, die er in die Hand genommen und irgendwo wieder abgelegt hat, zu suchen und sie an ihren Platz zurückzulegen. Ich mag es, wenn der Padre mich besucht.
Buchbinder nutzen Bleisatz-Schriften zum Prägen z.B. in Leder. Oder für die Goldprägung uvm. Nun benötigen sie viel weniger Lettern als wir Schriftsetzer und Drucker, die wir komplette Texte setzen müssen. Der Buchbinder arbeitet zumeist nur mit Zeilen, die er in einen Handprägekasten einlegt wie hier abgebildet oder in einen Prägnanten fixiert, um dann damit zu prägen. Rund 35 Prozent meiner Kunden sind Buchbinder — also eine immens wichtige Kundenklientel. Sie alle suchen laufend kleine Schriftmengen. Und die gibt es so gut wie nie. Denn wir übernehmen zumeist Schriftsetzereien, keine Buchbindereien.
Eigentlich arbeite ich ja derzeit am Eremiten-Bestand. Und ab morgen nehme ich diese Arbeit auch wieder auf. Die Eremiten-Schriften sind Juwele, die Krönung meiner Arbeit. Selten, bestens erhalten, eine Wohltat für mein Auge und meine Seele. Aber mein tägliches Brot verdiene ich mit den immer wiederkehrenden Aufträgen. Sprich: Standardschriften, die immer wieder benötigt werden. Der Zufall wollte es, daß wir vor einigen Wochen einen größeren Bestand aus der Nähe von Nürnberg übernommen haben. Der Betrieb arbeitete sowohl als Buchdruckerei als auch als Buchbinderei. Und diesem Umstand verdanke ich genau 62 Holzkästen, annähernd DIN A4 groß, gefüllt mit sehr schönen Bleisatz-Schriften. Der typische Schriftenbestand eines Buchbinders: Alle Schriften stehend gelagert, auch die kleinen Schriftgrade. Eine ansehnliche Mischung aus Grotesk-, Antiqua-, Schreibschriften und Gebrochenen Schriften. Kleine Schriftschnitte, die wir Schriftsetzer wohl als zu klein verstehen würden. Aber ideal für Buchbinder. Also habe ich heute einmal einen Tag Pause mit dem Eremiten-Bestand eingelegt und habe den Buchbinder-Bestand HTS aufgearbeitet. Alle Schriftschnitte sind bereits ins Online-Magazin in der Rubrik Buchbinder eingestellt. Schauen Sie selbst: KLICK Mir war sehr wichtig, die Preise möglichst niedrig zu halten. Kein Schriftschnitt kostet mehr als max. 50 Euro. < zum Inhaltsverzeichnis
Kommentare
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Nehmen Buchbinder zum Prägen die gleichen Bleilettern wie Setzer zum Drucken? Ich hatte bisher immer angenommen, dass solche Buchstaben irgendwie scharfkantiger oder härter o.ä. sein müßten, um einen tieferen Abdruck zu hinterlassen. Mh, hab ich wohl falsch gedacht. Interessanter Beitrag! |
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— Sabrina Sundermann · 09. 10. 2009 · |
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In der früheren Zeit bestanden Buchbinder-Schriften zum Prägen aus Messing. Die Lettern waren ca. 5-6 mm hoch. Zum Vergleich: Deutsche Bleilettern haben eine Schrifthöhe von 23,56 mm. Solche Messingschriften sind heute aus Kostengründen nicht mehr herstellbar. Ein Schriftschnitt einer 48 p Schrift würde leicht um die 1.600 Euro kosten. Das könnte sich kein Buchbinder mehr leisten.
Also nimmt der Buchbinder heute auch Bleilettern, die streng genommen aus dem Bereich der Schriftsetzer kommen. Blei ist zwar wesentlich weicher als Messing und man kann gerade mit z.B. Antiqua-Lettern, die sehr feine Seriphen haben (das sind die kleinen Füße an den Enden der Abstriche) nicht so häufig prägen wie drucken. Das Material nutzt sich ab. Aber Bleischriften sind auch unverhältnismäßg billiger als Messing-Schriften.
Man kann mit unseren Bleilettern sogar heißprägen bis 80° C oder darüber hinaus (wenn es sich z.B. um eine schlichte Grotesk handelt). Problematisch wird es bei Schriften mit Überhängen, also z.B. Schreibschriften wie der Lithographia. Hier muß der Buchbinder sehr sorgfältig und vorsichtig mit den Lettern umgehen und beim Heißprägen runden sich die feinen Abstriche bei den Lettern sehr schnell. |
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— Georg Kraus · 09. 10. 2009 · |
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Vielen Dank für die ausführliche Erklärung. Aus der Bemerkung das nur deutsche Bleilettern 23,56 mm hoch sind, nehme ich an, dass falls ich im Urlaub in Schottland Lettern auf dem Flohmarkt finden würde, diese nicht zu meinen deutschen kompatibel sind? Hat jedes Land seine eigene Höhe? |
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— Sabrina · 12. 10. 2009 · |
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Ja, das ist richtig. Die anglo-amerikanische Schrifthöhe beträgt 23,32 mm, ist also nicht direkt mischbar mit Lettern der deutschen Schrifthöhe von 23,56 mm. Man kann sich aber behelfen, indem man die niedrigeren englischen Lettern unterfüttert, so daß sie auf dieselbe Schrifthöhe kommen wie deutsches Druckmaterial. Denn die Schrifthöhe bezieht sich nicht nur auf die Schriften, sondern auch z.B. Linien, Vignetten und auch Klischees müssen auf derselben Schrifthöhe sein beim Druck.
Ich habe mir selbst einmal in London, auf dem Quincey Market an einem Stand mit wunderschönen Holz-Druckstöcken zwei Initialen G und K gekauft mit einem Format von vielleicht 4,5 cm x 4,5 cm. Die zu drucken, war kein großes Problem. Ich habe sie mit zwei 80 g/qm Papier unterfüttert, sprich: zwei kleine Quadrate ausgeschnitten (80 g/qm ist das Papiergewicht von normalem Kopierpapier) und unter die Klischees geklebt.
Herr Gerstenberg, der letzte noch aktive Schriftgießer, hat mir einmal erzählt, daß es in Italien früher sehr viele unterschiedliche Schrifthöhen gab. Praktisch jede Druckerei hatte ihre eigene. Die Schriftgießereien, die ja international geliefert haben, lösten das Problem so, daß Schriften immer erst zunächst auf die sog. Lagerhöhe gegossen wurden und erst bei der Bestellung je nach Besteller-Land auf die dort übliche Höhe gefräßt wurde. Dazu muß man wissen, daß dazu alle Schriftlettern Zeile für Zeile in einen speziellen Winkelhaken gehoben und dann von unten abgefräßt werden; ein immenser Aufwand.
Ich kenne eine Buchdruck-Freund, der schon seit Jahren eine komplette Garnitur mit Maximilian-Fraktur besitzt. Also Schriftschnitte von 6 p bis einschließlich 48 p. Ein wahrhaft königlicher Schatz, original verpackt aus den 20er Jahren. Nur leider halt auf Lagerhöhe gegossen. Die Kosten, um diese Garnitur heute nachträglich auf deutsche oder andere Schrifthöhe zu fräsen, ginge in die tausende von Euro. Auch hier wieder: Leider nicht wirtschaftlich. Ein Jammer. |
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— Georg Kraus · 12. 10. 2009 · |
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Dass Sie immer so lange Antworten schreiben müssen (und das ja auch Zeit kostet) macht mir etwas Kummer, allerdings ist es halt echt interessant diese kleinen Details zu erfahren. Wenn Sie nichts dagegen haben, werde ich also weiterhin fragen :)
Vielen Dank dafür! |
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— Sabrina · 13. 10. 2009 · |
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Oh, das muß Ihnen keinen Kummer machen. Ich bin Rheinländer. Wir brabbeln sowieso den ganzen Tag vor uns hin. Meistens Sinnentleertes. Deshalb freuen wir uns immer, wenn uns mal jemand zuhört bzw. mitliest.
Fragen Sie also bitte weiter. Sie sind ein Musterbeispiel für den Fall Web 2.0 ? siehe meinen neuen Tagebuch-Eintrag. |
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— Georg Kraus · 13. 10. 2009 · |
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