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Gastbeitrag: Diana dem Sterbebett entrissen


28.11.2009

 Zum historischen Hintergrund:
Johann Klein und Johann Forst — das sind die Schlüsselfiguren unserer Geschichte von den Johannisberger Schnellpressen. Mitte des 19. Jahrhunderts erlernten die beiden Schlosser, die nach Abschluß ihrer Ausbildung gemäß den Regeln ihrer Zunft auf die Walz gingen, auf der es sie auch nach Wien verschlug, bei der Wiener Schnellpressenfabriken Helwig und Müller und später bei den Gebrüdern Sigl die grundsätzlichen Probleme und Lösungen beim Schnellpressen-Bau. Diese neu entwickelten Schnellpressen revolutionierten das damalige Druckerei-Gewerbe, erbracchten sie doch eine Steigerung der Produktionsfähigkeit um den Faktor 10. Eine Verzehnfachung der Druckgeschwindigkeit! Diese Neuigkeit schlug Wellen in ganz Europa.

Auch in der damaligen Zeit scheiterten neue Projekte oft an der Finanzierung. So erarbeiteten sich die beiden zunächst einmal im väterlichen Schlosserbetrieb des Klein sen. das notwendige Kapital. Im Jahr 1847 war es dann soweit: Die beiden erhielten den Auftrag zum Bau einer „Johannisberger Schnellpresse“ von der Wiesbadener Hofdruckerei Schellenberg — die Maschinenfabrik Johannisberg ging an den Start.

 Das Unternehmen wuchs und die beiden Jung-Unternehmer hatten auch ihre Wurzeln als einfache Handwerker nicht vergessen. Immerhin 50 Jahre vor den legendären Bismarck'schen Sozialgesetzen gründeten sie eine Betriebskrankenkasse für die Mitarbeiter mit angeschlossenem Fond für Invalide und Pensionäre. Im Jahr 1875 wurde die 1.000 Johannisberger Druckmaschine ausgeliefert. Produziert wurde im Unternehmen mit mittlerweile 164 Mitarbeitern, denen Lohn und Brot gegeben werden konnte. Im Jahre 1889 bezog man neue Fabrikgebäude auf einem 4 Hektar großen Gelände nahe Geisenheim mit Gleisanschluß, über den der Abtransport der Maschinen zum Kunden zügiger abgewickelt werden konnte. 

Die Johannisberger Schnellpressen dominierten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen expandierenden Markt zum einen wegen der durchdachten, neuen Technik, die eine immens gesteigerte Druckgeschwindigkeit erlaubte, aber auch wegen der zur Verfügung stehenden Druckformate, die die Produktion von Plakaten möglich machte. Man muß sich vor Augen halten, daß das Plakat — neben der klassischen Zeitungs-Announce — das gängige Werbemittel für neue Produkte in allen Branchen darstellte. Fernsehen und Rundfunk gab es ja noch nicht. Die Johannisberger Schnellpressen setzten Maßstäbe. Und das faszinierende für uns heute dabei ist, daß diese Schnellpressen, sofern noch vorhanden und von Fachleuten oft in mühevoller Kleinarbeit restauriert und, aus historischen Authentizitäts-Gründen, zurückgebaut auf den Orginal-Auslieferungszustand, immer noch brav ihren Dienst tun.

 Ich bin Sammler, ganz ähnlich wie Georg Kraus, der Betreiber dieser Webseite und wir kennen einander seit vielen Jahren. So, wie den Kollegen Kraus die Geschichte des Bleisatzes in Deutschland interessiert, so faszinieren mich die mechanischen Erfindungen im Buchdruck und gelegentlich ergibt sich so auch für mich einmal die Gelegenheit, einen ganz besonderen Schatz auszugraben.

Vor einigen Jahren hörte ich mehr gerüchteweise, daß irgendwo im norddeutschen Raum noch ein Johannisberger Stoppzylinder, eine Schnellpresse Modell Diana, Baujahr 1927 in Betrieb sein solle (Johannisberger Baureihe 1924 bis 1939). In einem alten Fachbuch fand ich sogar eine alte Zeichnung genau dieses Maschinen-Typs.

Nach vielen Telefonaten und Recherchen habe ich den Besitzer ausfindig machen können. Nachdem wir einen Besuchsermin vereinbart hatten, war ich schon ganz aufgeregt dieses Gerät endlich zu sehen.

 Beim Besichtigungstermin musste ich meine Euphorie im Griff behalten, um den Preis nicht unnötig in die Höhe zu treiben. Die Verhandlungen haben dann immer noch drei(!) Jahre gedauert, bis ich mich dann endlich mit dem mittlerweile 88 jährigen Besitzer einigen konnte. Nun gab es noch zwei Hindernisse: Die Maschine musste durch ein Fenster hinaus ins Freie und dann mit einem Kran über ein Wohnhaus gehoben werden. Leider wusste keiner mehr, wie die Maschine in die Druckerei hineingekommen war. Beziehungsweise es gab keine Zeitzeugen mehr, diese waren alle längst verstorben. Somit machten wir uns nach einiger Vorbereitung daran, das Gewicht der Maschine um bestimmt 500 kg zu verringern, indem wir alle Aggregate und Teile, die irgendwie abschraubbr
ar waren, sorgfältig von der Maschine abtrennten. Anschließend wurde das Fenster herausgenommen, Paletten-Stapel errichtet und fixiert, um dann die Maschine auf Stahlrollen aus den Räumen zu schaffen. Draußen wurde sie von einem 40 t Kran an vier schwere Haken genommen und übers Haus hinweggehoben. Endlich stand sie dann auf meinem Anhänger und war zunächst einmal vor dem unweigerlichen Aus durch Verschrotten gerettet. Uns fiel ein Stein vom Herzen — trotz der vier Haken.

 Aber jetzt fängt die Arbeit erst richtig an. Die Maschine wird von mir gereinigt und in einen tadellosen Zustand gebracht, damit man wieder Plakate im Format 52 cm x 78 cm drucken kann. Über den weiter Stand der Arbeiten werde ich gelegentlich gern hier berichten.

Ich bedanke mich für die kollegiale Unterstützung und die Gelegenheit, hier auf Georgs Webseite diese tolle Maschine vorstellen zu können. Wir Norddeutschen sind nicht so die begabten Redner, wie der Kollege Kraus als Rheinländer das hier in seinem Blog tagtäglich unter Beweis stellt. Deshalb dachte ich mir: Laß Bilder sprechen... Die folgende Fotostrecke zeigt die einzelnen Etappen des Abbaus der Maschine und die Verbringung zum Anhänger.

Herbert Wrede
flodder-1(ät)arcor.de

 

Sag' mal Herbert... als Ihr damals in der Nordsee und Ostsee die Vitalien-Brüder gejagt habt und Klaus Störtebeker... wer hat Euch damals eigentlich die Geschichten dazu geschrieben? Euch selbst hätte wahrscheinlich ein Vierzeiler gereicht. Gib zu: Ihr habt einen Rheinländer als Autoren für diese wunderschönen norddeutschen Sagen einfliegen lassen und mit dem Schreiben beauftragt...

Du hast ganz vergessen zu erzählen, daß die Maschine seit Jahrzehnten im Obergeschoß eines Hinterhauses praktisch eingemauert war. Daß Ihr mit schwerem Gerät die Maschine aus dem Zementsockel habt herausbrechen müssen, der um sie herum gegossen worden war — warum eigentlich? Wegen des Risikos der Vibrationen? Hätten die vielleicht die Statik des Hauses gefährdet? Nur so eine Idee... Und daß Ihr das Fenster habt ausbauen müssen, um dann die Maschine mit einem Hochkran aus dem Fenster heraus und über die Häuserzeile hinweg habt heben müssen. Hast Du ganz vergessen, mh? Wohl nebensächlich für einen Norddeutschen. Hauptsache, das Ding steht wohlbehalten auf dem Hänger, was? :-) Tolle Leistung, ich bin ehrlich begeistert. Georg 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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Kommentare
1.     Lieber Herr Wrede, lieber Herr Kraus!
Das ist eine Geschichte ganz nach meinem Geschmack. Ich hoffe doch, dass hier noch mehr in der Zukunft zu lesen sein wird, wie es mit der Diana weiter geht. Auch wenn Sie, Herr Wrede, nicht der begnadetste Literat auf diesem Erdball sein sollten, lassen Sie sich nicht entmutigen und lassen Sie uns weiterhin teilhaben an Ihren Erlebnissen mit diesem Schmuckstück. Und wenn es mal mit den Worten hapern sollte, so wird Ihnen Herr Kraus mit Sicherheit weiter helfen.
Viele Grüße aus Köln!
  Ingo · 23. 10. 2009 ·
 
2.     Unglaublich schön. Ich habe keinen blassen Schimmer von Druckmaschinen, aber diese hier sieht aus wie täglich poliert. Danke für die tollen Bilder. Es muß aufregend gewesen sein, als diese schwere Maschine da über Ihrem Kopf hereinschwebte, Herr Wrede. Toll, einfach grandios!
  — Sven · 23. 10. 2009 ·
 
3.     Lieber Herbert,

die Geschichte hattest Du mir zwar schon erzählt -- aber die Bilder haben mich jetzt noch einmal sehr beeindruckt! Die Schnellpresse ist bei Dir ja in guten Händen. Würde mich freuen sie einmal bei Euch in Betrieb zu sehen. Ich entwerfe schon mal ein schönes Plakat zum Drucken ... Viele Grüße aus Essen // Sven
  Sven Winterstein · 24. 10. 2009 ·
 
4.     Hallo, bin durch zufall auf diese Seite gekommen. Ist ja eine absolut tolle Story. Ich selber bin ja auch von solchen Antiken Sachen angetan. Habe diesen Bericht mit Begeisterung gelesen und muß sagen, TOP. Das sich da jemand solche Mühe macht, eine solche Maschine zu"retten" ist ja schon fantastisch. Ein solches Kulturgut vor dem verschrotten zu bewahren ist absolt bemerkenswert. Bleibt zu hoffen, das diese Maschine immer in gute Hände bleibt. Also wenn ich mal jemand brauche, der einen solch Aufwendigen und durchdachten Transport macht, weiß ich ja nun wo ich mich hinwenden muß.... Ich werde mir diese Seite merken. Hut ab Herr Wrede, eine perfekte Leistung, die Sie da vollbracht haben.
Achja, wenn die Maschine läuft, stellen Sie dann auch wieder ein Bildbericht hier rein ? Würde mich interessieren.
Viele Grüße aus dem Süden Deutschlands.
  Mike Krüger · 04. 11. 2009 ·
 
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