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Es wird einen neuen Markt geben: Letterpress


28.11.2009

Ich nenne es Letterpress, verwende also die englische Bezeichnung des Buchdrucks, um diese neue Anwendung für den Endkunden vom klassischen Buchdruck zu unterscheiden. Und da — Ehre, wem Ehre gebührt — diese Anwendungen vor einigen Jahren an der Westküste der VSvA Mode wurden, sich im Markt durchsetzten und fest etablierten, möchte ich den dort üblichen Begriff übernehmen.

 Der klassische Buchdruck fristet in Deutschland ein Nischen-Dasein. Er ist nicht tot, einige Buchdruck-Freunde sprechen sogar seit Jahren von einer Renaissance des Buchdrucks und meinen damit oftmals sehr kleine und sehr spezialisierte Druckereien, die die Bedürfnisse des Privatmarktes nach hochwertigen Druckerzeugnissen wie Einladungskarten, Visitenkarten abdecken. Tatsächlich gelten Buchdruck-Erzeugnisse als edel. Der Endkunde assoziiert damit das Besondere, das seine Privatdrucksachen ausdrücken sollen. Buchdruck, eigentlich ja nur ein Hochdruckverfahren, ist zur Marke geworden. Ich würde hier nun gern als Vorzeige-Beispiel die Offizin meines langjährigen Kunden Martin Z. Schröder nennen — aber ihn als Beispiel für eine heute wirtschaftlich gut geführte Buchdruckerei zu nennen, wäre weit danebengegriffen. Martin Z. Schröder ist eine Klasse für sich. Seine Offizin, deren Werbespruch, nebenbei bemerkt, die deutschen Umlaute in der richtigen Reihenfolge als Anfangsbuchstaben der einzelnen Worte nutzt „Akzidenzen erleichtern Ihre Offerten ungemein.“ funktioniert nicht aufgrund der exzellenten Buchdruck-Qualität mit dem Anspruch „Die Lettern küssen das Papier“. Sondern sie funktioniert wegen der intellektuell betriebenen Druckvorstufe, hier speziell der Druckvorbereitung, die eine Idee zum Konzept entwickelt und diese dann im Handsatz umsetzt. Lesen Sie bitte, um zu verstehen, was ich meine, den gedanklichen Austausch zwischen MZS und mir zu den von mir bestellten privaten Visitenkarten. Exzellent und erfolgreich, eine Klasse für sich. Ich könnte mir denken, daß Schröders Kunden einerseits über einen sehr guten Geschmack verfügen, sich diesen aber auch leisten können (müssen).

Was ist nun Letterpress? Die Idee ist genial einfach: Die Kosten für ein Buchdruck-Erzeugnis liegen vor allem in der Druckvorstufe, also im Satz. Gleichzeitig sind aber genau in diesem Bereich die technischen Gestaltungsmöglichkeiten gegenüber der Druckvorstufe des Offset stark eingeschränkt. Ich muß das nicht vertiefen. Schauen Sie sich an, was die Kollegen Mediengestalter und Graphiker auf ihren Apple Mac produzieren und schauen Sie sich die Bilder meiner Handsetzerei auf der Hauptseite meines Netzauftrittes an, dann wissen Sie, was ich meine. Am Mac produziert man für den Offsetdruck. Oftmals werden die Gestaltungsdaten im PostScript-Format längst direkt und ohne Umweg über die Filmbelichtung an die Druckmaschine gegeben. Ursprünglich jedoch, bevor CTP (Computer-to-plate) produktionsreif wurde und bis in die heutige Zeit werden Offsetfilme belichtet. Von denen wird dann eine Offsetdruckplatte hergestellt und mit der dann halt gedruckt. Selbstverständlich kann man die Filmbelichtung auch anders anlegen. Man kann z.B. auch einen seitenrichtigen Negativ-Film von den Gestaltungsdaten ausbelichten. Und genau das ist der wichtige Dreh- und Angelpunkt.

 Das ist die Situation:

— Wir haben definitiv ein verstärktes Interesse der Endkunden an Buckdruck-Erzeugnissen. Der Umstand, daß die Endkunden Buchdruck mit „Edlen Erzeugnissen“ assoziieren, führt zwangsläufig auch dazu, daß sie intuitiv davon ausgehen, daß Buchdruck-Erzeugnisse teurer sind als die im Offsetdruck hergestellten. Das ist nicht unbedingt falsch, aber wir merken uns diesen Punkt und kommen später noch einmal darauf zurück.

— Wir haben Buchdruck-Maschinen, die, vom Tischgerät nach Prinzip des Boston-Tiegel aufwärts, exzellente Buchdruck-Qualität erzeugen können.

— Wir haben eine hochprofessionelle, wohl kaum noch verbesserbare Druckvorstufe auf dem Apple Mac, inkl. der Infrastruktur in Form von flächendeckender Verfügbarkeit von Graphikern, Mediengestaltern und anderen Kreativen.

Und wie macht man nun eine Apple Mac-Filmausgabe zu einer Buchdruck-Form? Richtig, über ein Klischee. Die Bilder zeigen eine Nyloprint-Anlage. Nyloprints sind photopolymere Kunststoffe — sie verfügen also über eine lichtempfindliche Oberfläche — mit denen man schnell und äußerst kostengünstig Hochdruck-Klischees herstellen kann. Solche Klischees werden heutzutage z.B. in Massen im Flexodruck verwendet, einem anderen Hochdruckverfahren. Die Getränke-Industrie braucht diese auf Folien im Endlos-Druckverfahren hergestellten Aufkleber in riesigen Auflagen. Ich kann davon übrigens ein melodisches Lied singen, denn ich höre das Stampfen dieser Druckmaschinen 24 Stunden am Tag, bin ich doch Mieter in einer der Bagel'schen Großdruckereien, in denen u.a. solche Folien bedruckt werden.

Zurück zur Nyloprint-Anlage: Nyloprint-Klischees werden mit konfektionierter Folie auf Unterlegstege geklebt. So erhalten Sie die notwendige Schrifthöhe für den Buchdruck: 23,56 mm. Es gibt sogar magnetische Unterlegstege und -platten. Und es gibt Nyloprint-Klischees mit eisenhaltigem Untergrund. Hier kann man also die Klischees schnell und leicht auflegen bzw. wieder abnehmen. Merken Sie was? Ja, stimmt: Wenn man also z.B. eine Buckdruckform in der Maschine hat, kann man z.B. eine Standard-Einladungskarte bauen, den sich ändernden Teil mit den persönlichen Daten des Kunden auf ein Extra-Klischee einbauen und tauscht dann immer nur dieses Klischee aus. Genial einfach.

In den VSvA gibt es solche „Letterpress-Shops“ in vielen Fußgängerzonen. Die Laufkundschaft wählt vorn am Tresen aus vielen Dutzenden von vorbereiteten Standards (diese können ruhig aufwendig gemacht sein, denn die Arbeit fällt ja nur einmal an) mit Unterstützung eines Verkäufers. Der nimmt direkt am Mac-Arbeitsplatz die persönlichen Daten des Kunden auf und formuliert mit diesem zusammen den Text für dessen Karte. Aus diesem individuellen Text wird nach der Gestaltung ein Klischee erstellt und von diesem dann in die gelagerten Karten eingedruckt. Der Kunde kann seine 200 Einladungskarten praktisch nach zwei Stunden abholen. Das Nyloprint-Gerät bildet also die Brücke zwischen dem Apple Mac und der Buchdruckmaschine.

Alle diese Bausteine gibt es seit Jahrzehnten. Nichts daran ist neu. Neu ist die Vermarktung: Je weiter die Abslösung des Buchdrucks durch den Offsetdruck zurückliegt, desto elitärer wurde bisher der Buchdruck angeboten. „Das besondere Accessoire, das nun wirklich nicht jeder hat: Buchdruck-Visitenkarten.“ Das dürfte bald Geschichte sein. Zukünftig wird es Letterpress-Erzeugnisse geben. Hergestellt im Buchdruck-Verfahren, gestaltet mit moderner digitaler Technik.

 Das Schöne am Letterpress ist: Er löst kein bestehendes Druckverfahren ab. Er ist keine „Killer-Applikation“ wie damals der Fotosatz für den Bleisatz. Denn es gibt ja gar keinen richtigen Markt für Buchdruck-Erzeugnisse. Es gibt ein paar wohlhabende Leute, die sich echten Stil und echte Klasse leisten können. Die gehen weiter zu Schröder und anderen Meistern und zahlen dort nicht für den Buchdruck, sondern vorher, in der Druckvorstufe, für das Umsetzen der Idee zum Konzept. Und das wird einem Martin Z. Schröder niemals ein Apple Mac abnehmen können. Und den Vergleich mit den vielen genialen Mediengestaltern und Graphikern muß ein MZS nicht fürchten. Letterpress nimmt niemandem etwas ab, aber er bietet völlig neue Optionen für unser Gewerbe: Es wird Gestalter geben müssen, die die Vorlagen für die Letterpress-Anbieter gestalten. Es werden viel mehr Buchdruck-Maschinen gebraucht werden — die auf den Buchdruck spezialisierten Maschinenhändler werden es merken. Und vor allem wird es vielen Kollegen, die ihr eigenes Geschäft aufbauen wollen, eine Existenz geben. Mir ist bewußt, daß ich mich mit meiner positiven Prognose sehr weit aus dem Fenster lehne. Aber warten wir zwei Jahre ab und nehmen wir dann dieses Thema noch einmal auf, ja? Bis dahin biete ich jedem Unternehmen, das ich bereits mit dem Letterpress beschäftigt, hier eine Plattform: Ich bin gern bereit, über Sie und Ihr Unternehmen zu berichten. Kontaktieren Sie mich. Ich kenne bisher vier Kollegen, die Letterpress professionell anbieten.

Die Abbildungen zeigen mein Nyloprint-Gerät zur Herstellung von Klischees. Die Abbildung mit den vier Boston-Tiegeln wurde mit freundlicher Genehmigung zur Verfügung gestellt von DruckArt Riehen in der Schweiz. Und... ach, sieh mal da, was Markus Ammann, Eigentümer und Buchdrucker, sich gerade zugelegt hat: Magnet-Unterlegplatten... nein, das ist kein Zufall. Der Mann versteht, wohin da gerade ein neuer Zug fährt... Respekt. Hier erwarte ich in nächster Zukunft von neuen Fortschritten berichten zu dürfen.

Einen Wehmuts-Tropfen gibt es bei der Sache. (Ich weiß daß man Wermuts-Tropfen sagt, aber mir erscheint das falsch. Ich möchte doch Wehmut ausddrücken. Selbst, wenn es der Wermut auch täte, meinetwegen als symbolisches Mittel zur Erzeugung von, dann würde ich als jemand, der keinen Alkohol mag, lieber zur direkten Wehmut greifen):

Das, was wir Fachleute unter Buchdruck verstehen, also „Die Lettern küssen das Papier“, ist in den meisten Fällen nicht das, was der Endkunde darunter versteht. Der will Buchdruck sehen und fühlen. Wir vom Fach würden das dann Prägedruck nennen. Hier wird es Diskussionen zwischen den Puristikern und den Pragmatikern geben. Die Pragmatiker werden obsiegen. Das macht mich wehmütig, aber es ist so.

 

 


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Kommentare
1.     Das Thema Letterpress scheidet sicher die Geister. Ein paar
Drucker wie ich, nutzen die Klischees zur Bereicherung des Bleisatzangebotes
(Firmenlogos, Bilder, Schnelldrucksachen, u.s.w.).
Mancher Buchdruckfanatiker wird aber ab dem angewidert die Nase rümpfen und einem mit Verachtung strafen.
Damit kann man aber sehr gut leben. Selbst ein MZS benutzt ab und an Klischees, also was solls...
  — Ferdinand · 28. 11. 2009 ·
 
2.     Es gibt heute in den Fußgängerzonen der Innenstädte spezielle Papeterie-Läden mit besonders hübschen und ausgefallenen Gratulationskarten zu allen nur denkbaren Anlässen. In Amerika haben viele dieser Läden auch eine Einrichtung für die Klischee-Erstellung und eine kleine Buchdruckmaschine da stehen. Es braucht ja niemand größere Formate als 21 x 21 cm oder so. Dazu steht da ein Mac und ein paar Musterbücher mit hunderten von Dekors, witzigen Vorlagen, feierlchen Strichumsetzungen und so. der Kunde sucht sich sein Motiv aus, zeichnet einen Print ab und dann geht es (ich glaube) ohne Filmbelichtung direkt in die Klischeeanlage. Die drucken dann vom Magnetfundament. Die üblichsten Motive sind vorgeddruckt und nur die Personalisierung kommt noch rein.

Aber wäre das denn dann tatsächlich eine Konkurrenz zum Buchdruck? Oder ist das ein ganz anderes Ding? buchdruck für Arme sozusagen?

MM
  — Marketing-Män · 28. 11. 2009 ·
 
3.     Man müßte das übers Internet vermarkten. Ein cooler Shop mit hunderten von vorfabrizierten Layouts, ähnlich wie bei Greeting Cards. Der User wählt ein Motiv, setzt seinen Text dazu, sucht sich aus einer begrenzten Kartenauswahl seinen Karton aus und bestellt online. Der Rest läuft im Backoffice ab. Das kann man sogar vom Keller im Eigenheim abwickeln. Keine teuren Mieten, die anfallen für ein Ladenlokal, keine großen Kosten. ^^

Sven
  — Sven · 28. 11. 2009 ·
 
4.     Letterpress - welch ein grausiges Wort. Da wir hier in Deutschland ja auch von Bleilettern reden und Press(en) ein geläufiger Begriff ist, assoziiert sich dies unwillkürlich mit einem Buchdrucker, der gerade sein gesamtes Erlerntes verleugnet oder - schlimmer noch - frustriert über jahrzehntelangem Qualitätsanspruch mit neuem Aufzug, Zurichten, Viskosität der Farbe einstellen usw., endlich einmal seine sadistische Ader am Bleisatz austoben kann. Dann folgt noch der Schriftsetzer, der die abgequetschten Lettern direkt in die Tonne kippt.

Das Phänomen der Bleisatz-Renaissance in den VSvA hatte ich auch schon länger, zwar aus etwas anderer Sicht, beobachtet:

http://www.linotypeuniversity.com

Dass sie zwischenzeitlich solche Ausmaße angenommen hat, hätte ich allerdings nicht gedacht.

Wie "Druck (Press)" auch klassisch ohne Materialschlacht geht, nämlich mit dem entsprechendem Material, zeigt andernorts erwähnter Kollege Martin Z. Schröder, der neben seinem Können auch das Selbstbewusstsein besitzt, dieses zu präsentieren. Er hat zusätzlich den Vorteil des Standortes Berlin, unserem jetzigen Regierungssitz. Was habe ich damals Akzidenzen hier an die Botschaften geliefert, als Bonn noch Bundeshauptstadt war! Ob konfexografiert, geprägt oder auch "nur" mehrfarbig... nichts war zu teuer.

Ich erinnere mich noch lebhaft an Anfang der 80iger Jahre des letzten Jahrhunderts, als ich mit meinem Trabi-Kombi über die Südbrücke nach Bonn zum "Presse- und Informationsamt der Bundesregierung" unterwegs war. Der Trabi lief 110 km/h bei vollendeter Laufruhe, allerdings waren nur 80 km/h erlaubt und prompt wurde ich herausgewunken. Wozu denn die überhöhte Geschwindigkeit nötig sei, wurde ich gefragt. Mit einem Fingerzeig nach hinten auf die Ladung erklärte ich dem Polizisten, dass dort 30.000 Visitenkarten für den Regierungssprecher Klaus Bölling auf die Auslieferung warten. Ich war sofort weiter unterwegs zum Presse- und Informationsamt der Bundesregierung. (Etwas ähnliches ist mir an der innerdeutschen Grenze übrigens auch passiert)

Jetzt bin ich etwas ausgeschweift! Pragmatisch oder leider wichtiger, nämlich wirtschaftlich bzw. rationell, geht es heute noch ohne Nyloprint, wie es Kollege Dirk Johrde aus Dortmund auch schon geschrieben hat. Vor einiger Zeit suchte ich für einen guten Freund nach einem passendem Geschenk. Visitenkarten kann er gebrauchen! Da ich wusste wie sie aussehen sollten also die 8 Punkt Silesia-Fraktur auf die Linotype geschmissen, 20 Cicero Einsatzstück rein und los. Dann noch die magere 6 Punkt Super Grotesk für Adresse und Telefon und ein paar Blindzeilen gegossen. Fünf Minuten später hatte ich die erste Visitenkarte gedruckt in der Hand - sehr schön! Zehn Minuten später waren 100 Karten gedruckt. Die Karten wurden verschenkt inclusive der zehn Linotype-Bleizeilen für einen eventuellen Nachdruck. Die Resonanz war überwältigend und das Blei wird wie ein Goldschatz behütet.

Zwei Tage später standen drei weitere Aspiranten für Visitenkarten neben der Linotype. Die "eingeschränkten" Möglichkeiten des Bleisatzes gegenüber dem Computer wurden erläutert und geradezu erleichtert aufgenommen, da die Qual der Wahl erheblich reduziert war. Zudem hatte die erste Ausgabe gefallen und wurde fast authentisch übernommen. In zwei Stunden waren drei mal 100 Visitenkarten gesetzt und gedruckt und jeder trug seinen "Goldschatz" stolz davon!

"Mehr als das Gold hat das Blei die Welt verändert. Und mehr als das Blei in der Flinte das im Setzkasten.
Georg Christoph Lichtenberg"

Jetzt können wir weiter diskutieren ob "Die Lettern küssen das Papier" auch hier zutrifft. Jedenfalls hat der Bleisatz und damit auch die schnelle Verbreitung der Nachrichten und des Wissens erst durch den Mengensatz, ermöglicht durch die Linotype und dann auch der Monotype, den entscheidenden Schub erhalten! Die Auflagen der Zeitungen sprangen Anfang des 20. Jahrhunderts daher in ungeahnte Höhen, da es innerhalb von weniger als 24 Stunden möglich wurde, 80 Seiten und mehr mit aktuellen Themen herzustellen.

Gott grüß? die Kunst!
Thomas Kersting
  — Trhomas Kersting · 29. 11. 2009 ·
 
5.     Der Begriff Letterpress ist für dieses neue Genre gar nicht so schlecht gewählt. Denn er wird sich maßgeblich vom Buchdruck unterscheiden. Die Gemeinsamkeit mag das Hochdruckverfahren sein, aber hier enden auch schon die Gemeinsamkeiten. Würden Sie die Druckerzeugnisse des Flexodrucks ? Endlos-Plastikfolien-Druck, von mir aus 12farbige Bieretiketten, die aufgrund des Schrumpffaktors der Rollenware zwangsläufig mit einem entsprechenden Passer versehen, mit dem heutigen Buchdruck vergleichen wollen? Nun gut, niemand wird Hochzeitskarten von der Endlosrolle drucken wollen, also hinkt das Beispiel ein wenig.
Was ich sagen will, ist: Ob es uns nun gefällt oder nicht (mir gefällt es nicht), es wird nichts daran ändern, daß dieser Markt entsteht. Man muß nur einerseits unsere amerikanisierte Gesellschaft sehen und andererseits, daß dieser Markt sich in den VSvA in den letzten Jahren entwickelt hat. Und ich meine damit keinesfalls den gelegentlichen Einsatz von Klischees. Das gab es schon, seit des den Buchdruck gibt. Ich meine die Herstellung von Privatdrucksachen.
Wir werden uns winden und krümmen, denn hier wird die Nachfrage das Produkt bestimmen. Quetschkarten werden wir sie nennen. Aber der Kunde wird sie kaufen. Denn er, der König des freien Marktes, wird Druck in Form von Kilopond verlangen, bis das Nyloprint sich biegt. Und es wird genügend Produktioner geben, die bereit sein werden, diesen Druck zu liefern.
Genau hier liegt übrigens auch unsere Möglichkeit zur Unterscheidung. Es wird nicht schwer sein, aufzuweisen, daß mehr zum Buchdruck gehört als die Zahl der eingesetzten Kilopond.
  Georg Kraus · 29. 11. 2009 ·
 
6.     Als ich vor einiger Zeit stolz wie Oskar mit meinen "buchgedruckten" Karten nach einem langen Tag in der Museumsdruckerei einen Freund traf und ihm vorschwärmte wie toll es sei mit Bleilettern zu setzen, auszugleichen und zu drucken, hatte er nur ein "sieht ja aus wie mit der Schreibmaschine" parat. Ziemlich verständnislos schüttelte er den Kopf. Als ich ihm später eine "Letterpress"-Karte zeigte war er begeistert. Die Prägung machts, Leute, da kann man halt nichts ändern. Wenn sich dadurch die Buchdrucker im Geschäft halten können und noch dazu das Interesse nach handgedruckter Papeterie steigt, ist doch super! Warum wertet ihr es ab? Es ist einfach etwas anderes. Aber es bringt junge Menschen dazu sich dafür zu interessieren. Was kann dem alten Handwerk besseres passieren?
  — Sabrina · 30. 11. 2009 ·
 
7.     @ Sabrina
Das ist genau, was ich befürchte. Kennen Sie die "Schrauber-Jungs", die mangels finanzieller Möglichkeiten sich künstliche Auspuffrohre an ihre tiefer gelegten gebrauchten BMW 316 (ohne Typenschild natürlich) befestigen, extra breite Sportfelgen aufziehen und an der Ampel "Gummi geben"? Pubertäres Männlichkeitsgeprotze, das man nicht einmal ernst nehmen muß, sondern belächeln kann. Ich habe früher manchmal in meinem 320 i (ohne Typenschild) an der roten Ampel neben solchen Jungs wartend, im Leerlauf Gas gegeben. Oftmals preschten die Jungs dann im Kavalierstart bei Rot über die Kreuzung :-)

So ist das auch, falls sich der Letterpress als Prägedruck herausstellt mit dem Anspruch, Buchdruck zu sein. Der Endkunde mag damit andere Laien beeindrucken können. Aber nur, bis er an einen Fachkundigen kommt. Und dann hat er zum Schaden auch noch den Spott.
  Georg Kraus · 30. 11. 2009 ·
 
8.     Die Bedenken der ordentlich ausgebildeten alten Hasen gegenüber Buchdruck mit photopolymerer Druckform kann ich nur teilweise nachvollziehen. Als Gestalter mit nur zehn Jahren Berufspraxis finde ich den Bleisatz erhaltenswert und etwas Wunderbares, jedoch ist es aus gutem Grund nicht das Werkzeug meiner Wahl. Denn jede Zeit hat ihren Duktus. Liebe Jünger der schwarzen Kunst, unterschätzt nicht, dass man mittels Fachwissen + Mac durchaus Feinschmecker-Typografie herstellen kann ? es wird nicht nur Trash damit produziert.

Ich habe mir für ab 2010 jedenfalls fest vorgenommen mit Victoriatiegel und ebenjenen Nylos erstklassige Typografie zu Papier zu bringen. Am Ende wird zu Recht kaum Jemand nachfragen, ob die sauber fein-ausgeglichene Antiqua über den Winkelhaken oder per Adobe Illustrator plus Film- und Nyloprintbelichter in den Schließrahmen gelangt sind. Vor allem das Ergebnis ist (mir) wichtig. Die Tools sind heute inflationär; schlecht Ausgebildete sitzen an mächtigen Maschinen wie Aff? am Werkl und wagen sich an die Kür, bevor sie die Pflicht draufhaben. Aber es gibt auch viel Gutes, zeitgemäßes digital gesetztes ? auch auf Tiegel oder Zylindern gedrucktes (Beispiel: www.beastpieces.com).

In Deutschland ist alte Drucktechnik sehr oft ein Alt-Herren-Thema, gelegentlich etwas staubig. Ob sich das ändern wird und die Letterpress-Welle zu uns rüberschwappt wird sich zeigen. Sabrina hat jedenfalls Recht.
  Sven Winterstein · 30. 11. 2009 ·
 
9.     "Leicht staubiger Buchdruck älterer Herren" - da fehlt mir das Sachargument, tut mir leid. Und deshalb entspricht es nicht dem von mir gewünschtenNiveau in _meinem_ Blog. Wir berücksichtigen dies einfach in Zukunft, statt es auszudiskutieren, ja?

Die professionelle Einstellung der heutigen Generation Typographen steht doch gar nicht zur Debatte. Ebenso wenig wie die technischen Möglichkeiten z.B. des Versalausgleiches, die am Mac sicher viel umfangreicher sind als im Bleisatz.

Ich behaupte: Wer die Druckvorstufe professionell realisiert, das Nyloprint nur als eine Art Konvertierer in die Buchdruck-Zeit versteht und dann letztendlich auch professionelle Buchdruck-Erzeugnisse erstellt - der wird Erfolg haben. Aber natürlich wird der neue Markt auch "die Jungs mit dem Näschen für einen schnellen Euro" anziehen. Die von nichts eine Ahnung haben, aber sich für kleines Geld einen Tiegel besorgen und dann Letterpress produzieren. Sie werden auf die Nase fallen, aber bis dahin werden sie unserer Zunft Schaden zufügen. Das gefällt mir nicht, aber es wird nicht ausbleiben, indem ich nicht darüber schreibe.
  Georg Kraus · 30. 11. 2009 ·
 
10.     Das mit den alten Herren ist gar kein Argument, sondern nur eine ganz subjektive Beobachtung, werter Georg Kraus. Der Seitenhieb dient schlicht als Gegengewicht zur Klage der alten Hasen über das Tun der jungen Leute. Will sagen: ein paar junge Designer mit Letterpress-Leidenschaft werden Gutenbergs Erbe nicht besudeln. Und diejenigen, die für einen schnellen Euro halbgare Entwürfe drucken, werden auch nur die Kunden bekommen, die sie verdient haben. Das ist gerecht und zumindest ein kleiner Trost. Überigens empfehle ich, Letterpress nicht als Schmähwort für minderwertige Arbeit einzuführen, das entspräche nicht dem Niveau dieses Blogs. Buchdruck ist als Wortschöpfung im heutigen Gebrauch auch eher missverständlich. Aber bitte weiter so kontrovers (und für die jungen Leute lehrreich) bloggen, davon gibt es viel zu wenig!
  Sven Winterstein · 30. 11. 2009 ·
 
11.     Ich schlage vor, den Begriff Letterpress aus dem amerikanischen zu übernehmen, weil wir es hier mit einem ganz eigenen Genre zu tun haben werden, wie sich jeder leicht selbst überzeugen kann, sofern er im Weltnetz die US-amerikanischen Seiten solcher Anbieter besucht und sich deren Vorzeige-Produkte anschaut.

Dieses neue Genre Letterpress ist kein Buchdruck in unserem klassischen Sinne. Es handelt sich eher um ein Vertriebs-Produkt. Dieses Genre Letterpress läßt sich vielleicht gut mit den Begriffen Vintage umschreiben. "Auf Alt getrimmte neue Produkte".

Wie bei jedem neuen Genre (von denen die meisten aus den VSvA auf unseren alten Kontinent schwappen), geht es in erster Linie nur um eines: Geld machen. Ich habe mittlerweile schon von Überlegungen gehört, aus dieser Sache ein Start-Up zu machen. Man sucht Investoren für ein Franchise-System, mit dem man zunächst die großen Städte überziehen will. Also geht es um Venture Capital. Wie ich dazu stehe, dürfte bekannt sein.

Andererseits bietet das neue Genre Letterpress aber auch z.B. Künstlern oder Graphikern, Gestaltern völlig neue Möglichkeiten. Das könnte hochinteressant werden.

Was das neue Genre für mich persönlich bedeutet, wird sich herausstellen. Ich lebe vom Handel mit Produkten der Druckvorstufe des Buchdrucks. Der Markt Letterpress braucht meine Produkte nicht. Also muß ich mich damit beschäftigen - z.B. hier in diesem Blog. Ich muß, sofern ich nicht Risiko fahren will, daß mein Geschäftsfeld bröckelt.

Übrigens verfüge ich sowohl über eine Nyloprint-Anlage als auch über eine professionelle Korrex, einen Vollautomaten. Ach ja, und ich bin gelernter Schriftsetzer mit 40 Jahren Berufspraxis.

Vielleicht setzt sich der Letterpress nicht durch, vielleicht doch. Ich muß die Nase in jedem Fall im Wind halten.
  Georg Kraus · 30. 11. 2009 ·
 
12.     Nehmen wir uns da nicht zu wichtig, mit diesen Diskussionen? Darf ich hier aus meinem Lebensbereich einmal das Thema Kunst anschneiden?

Der ganze Bleikram, den ich ja selbst sehr liebe, wird nie wieder ein nennenswerter Broterwerb werden. Da sind wir uns wohl alle einig.

Wer sich damit heute beschäftigt, tut es um der Schönheit willen, wegen der Atmosphäre der Druckwerke, wegen der Reduktion und den Ergebnissen, die gerade aus diesen Reduktionen entstehen. Wegen Kunst halt.

Der Beruf aber ist tot!

Meine Frau hat in ihrem ersten Leben Töpferin gelernt. Bis zum Meistertitel hat sie es gebracht. Glaubt mir bitte, ich weiß was es heißt, einem toten Beruf hinterher zu weinen. Ich selbst bin Ofensetzermeister in meinem frühen Leben gewesen. Jap. Ich weiß über tote Berufe bescheid.

Und letztlich ist es dann so, daß wir ANGEWIESEN sind auf die Laien, die den Beruf auch in hundert Jahren noch lebendig halten. Da stellen sich diese Fragen: Oh, das ist ja nicht die reine Lehre! überhaupt nicht mehr. Einfach nur: Gott sei dank, es kümmern sich noch welche überhaupt.

Herr Kraus, der Beruf der Setzers ist einfach noch nicht lange genug tot. Diejenigen, die in dem Beruf noch gearbeitet haben und noch gutes Geld verdient haben und noch stolz sein durften, sind ja teilweise noch nicht einmal 60 Jahre.

Warten Sie ab. In 20 Jahren sind es völlig überholte Fragen, die wir hier aufwerfen. Sie werden im Alter von 75 froh sein über jeden, der sich ÜBERHAUPT aktiv mit dem Drucken wie wir es hier verstehen, auseinandersetzt.

Auch ein paar Dampfloks fahren noch. Und das ist wunderschön. Da ist die Frage nach einem Fahrplan und einer Preisgestaltung oder einer Seniorenkarte einfach Quatsch. Das sind alles Liebhaber. Und halt Laien.

So neu ist das Thema nicht. Und es ist einfach nur noch Kunst. Und Kunst IST nicht schön, man muß sie als schön erkennen. Gepresst oder gedruckt.

Ein Berufsstolz in einen Beruf, den es nicht mehr gibt, was soll daraus werden, außer eine veritable Depression? Oder, noch schlimmer, eine besserwissende Arroganz den gutgelaunten Einsteigern gegenüber?

Nö. Ich freu mich, wenn ich über den Töpfermarkt gehe, den ganzen Zahnarztehefrauen zusehe, die eine Tasse tief unter dem Einstandspreis verkaufen und stolz auf ihr Werk sind. Klar lächle ich manchmal darüber. Aber die Töpferei lebt halt so gut wie sie kann. Gott sei´s gedankt.

G.W.
  G. Voost · 30. 11. 2009 ·
 
13.     "Der ganze Bleikram, den ich ja selbst sehr liebe, wird nie wieder ein nennenswerter Broterwerb werden. Da sind wir uns wohl alle einig. "

Nein, tut mir leid. Wir sind uns diesbezüglich nicht einig. Ich lebe vom Bleisatz. Meine Existenz ist vom Verkauf des Bleisatzes abhängig. Und ich kenne einige reine Buchdrucker, denen es genau so geht. Und zwar ohne jeden Abstrich.

Natürlich gibt es viele, die sich "der Schönheit wegen" mit dem Bleisatz beschäftigen. Das ist ein Luxus, den ich mir so ausschließlich nicht leisten kann. Ich verpacke gerade ca. 20 kg Vignetten (kein Monotype-Kram). Ich habe sie verkauft. Wegen des Geldes. Denn so kann ich am Ende des Monats meine Stromrechnung bezahlen. Sonst nicht. Sehr einfach...

Noch einmal (glaubt mir denn niemand)? Ich mache den Letterpress nicht verächtlich. Ich sehe ihn vor allem einmal als Bedrohung. Und suche Wege für ein Arrangement. Denn genau das muß ich finden - aus existentiellen Gründen und nicht, um in der "Schönheit der reinen Lehre" zu leiden.
  Georg Kraus · 30. 11. 2009 ·
 
14.     Schreiben und Lesen ist so eine schwierige Sache!

"Der ganze Bleikram, den ich ja selbst sehr liebe, wird nie wieder ein nennenswerter Broterwerb werden. Da sind wir uns wohl alle einig. "

In dem Satz lag für mich die Bedeutung auf nennenswert gleich nennenswert im gesamtwirtschaftlichen Sinne.

Daß Sie und einzelne Drucker daraus ihre wirtschaftliche Existenz ziehen, soll dazu nicht im Widerspruch stehen.

Und noch ein Missverständnis: "Der Schönheit wegen" ist für mich ja auch überhaupt kein Luxus. Das ist auch einfach mein Broterwerb. Auch dieser ist für mich und die Meinen, die ich zu versorgen habe, nennenswert. Und gleichfalls nur wegen des Geldes.

Aber natürlich trotzdem, gesamtwirtschaftlich . . .

Mit lächelndem Gruß
G.W.
  G. Voost · 30. 11. 2009 ·
 
15.     Vielleicht hilft dieser bildhafte Vergleich:
Georg Kraus verkauft klassische Musikinstrumente (Schriften), die von Musikern (Kreative) gekauft werden. Sie machen damit Musik (Gestaltung/Satz) und daraus Schallplatten (Buchdruck). Formidable! Manche Amis und vielleicht ein paar junge Europäer machen per Rechner elektronische Musik, teilweise tanzbar-radiotauglich, teilweise künstlerisch-atmosphärisch und pressen ebenfalls Schallplatten. Warum nicht? Das eine gefährdet das andere nicht. Im Gegenteil: Vielleicht kommt der Nyloprint-Rabauke ja auf den Trichter mal einen Winkelhaken in die Hand zu nehmen und grundlegend was über Typografie zu lernen und findet gefallen. Ich glaube nicht an diese Konkurrenz, Sie müssen keinen Schaden fürchten, Herr Kraus (brauche z. B. demnächst Unterlagstege und mehr, wenn ich kein Hausverbot bekomme nach den frechen Kommentaren ...). Liebe Grüße aus dem Ruhrgebiet // Sven Winterstein
  Sven Winterstein · 30. 11. 2009 ·
 
16.     "Auch ein paar Dampfloks fahren noch. Und das ist wunderschön. Da ist die Frage nach einem Fahrplan und einer Preisgestaltung oder einer Seniorenkarte einfach Quatsch. Das sind alles Liebhaber. Und halt Laien."

Da muss ich aber energisch widersprechen! Ich habe einige Jahre eine solche Lokomotive betrieben. Ohne Fahrplanabstimmung mit der DB fuhr die Lok keinen Meter und ohne gut durchdachten Fahrplan fuhr auch kein Fahrgast mit. Das Team um die Dampflokomotive bestand aus hochqualifizierten Technikern - allein schon wegen der strengen Sicherheitsbestimmungen. Liebhaber haben hier eher gestört.

Letterpress - ich würde es lieber Paperpress nennen - ist mittels DTP noch lange nicht das Nonplusultra typografischer Qualität. Schauen wir uns die Schnitte einer bewährten Bleisatzschrift in unterschiedlichen Schriftgraden einmal genauer an: wir werden feststellen, dass die Strichstärken und besonders die Ausarbeitung von Details wie z.B. Serifen bei jedem Schriftgrad entsprechend der optischen Erscheinung durch die Schriftgröße anders ausgeführt sind. Dies sind die Computerschriften nur beschränkt oder nicht in der Lage zu leisten! Also Vorsicht junge "Grafiker"!

Was nützen uns die heute möglichen hundertstel oder gar quarkschen tausendstel Milimeter des Ausgleichens denn? Diejenigen, die die Zeche des neuen Letterpress zahlen sollen rekrutieren sich auch aus der Generation 50+, und die müssen schon eine Lupe nehmen, um überhaupt solche Details zu erkennen, und mit Drehen und Wenden allein ist kein Blumenkohl zu gewinnen.

Ich, als ausgebildeter Hand- und Linotypesetzer, habe am Anfang der Diskussion schon erwähnt, dass die statischen Beschränkungen des Bleisatzes auch positiv sind. Bewährte stilistische Werte werden durchaus
positiv Aufgenommen, weil sie sich bewährt haben!

Wirtschaftlich und heutzutage ja extrem wichtig, ökologisch gesehen, ist der Bleisatz doch das Nonplusultra: Der Setzer stellt den Satz her und druckt auf einem Boston-Tiegel die Anzeige, Visitenkarte - oder andere Akzidenzen - mit wasserlöslichen Druckfarben. Druckt er bei Tageslicht, hat er kein Watt volkswirtschaftlicher Energie verbraucht! Diesen Aspekt haben wir noch garnicht bedacht...!

Gott grüß die Kunst!
Thomas Kersting
  — Thomas Kersting · 01. 12. 2009 ·
 
17.     Es wir immer Kunden geben die die Arbeit und das Wissen eines Buchdruckers schätzen. Doch die Buchdrucker werden immer weniger. Ich weiß auch nicht, wo ich sie suchen soll um Sie um Rat zu fragen. Viele arbeiten in ganz anderen Berufen. Neulich gab mir mein Atelierkollege einen Bücherstapel aus seiner Berufsschulzeit. Er war Setzer (hatte ich bisher nicht gewußt) im Uhlstein Verlag... ein Schatz an alter Lektüre für mich. Gleichzeitig meinte er, ich solle doch bitte meine Gummiwalzen nicht mit Terpentin reinigen. So, womit dann?
Ich fuhr zu meinem Lieblingsdruckfarben-Lieferant nach Teltow. Dort arbeitet ein ehemaliger Drucker, der mir von Walzenwaschreiniger bis Aceton alles erklärte und nebenbei den Zustand meiner Walzen gar nicht toll fand. Die Walzen haben am Ende diese silbernen Dinger, auf denen sie über den Schließrahmen fahren, die mußten ab (andere Geschichte). Wissen Sie wie peinlich es ist in eine Druckerei zu gehen und zu fragen: Kann mir jemand mal die runners (engl.) äh die trucks (amerik.) abmachen?
->Ich kenne den deutschen Begriff dafür nicht. Weil ich die meisten Informationen über das Setzen bzw. das Drucken, das schließen in einen Rahmen, über Gauge Pins alias Frösche über englische oder amerikanische Foren bekomme. Weil es unglaublich mühsam ist Buchdrucker "in Echt" zu finden, die Zeit und Lust haben einem Laien zu erklären, wie man es richtig macht. Deutsche Websites darüber kann man an einer Hand abzählen. (Ist das wieder diese Sache mit dem Web. 2.0?) Wobei dieses Forum auf dem besten Weg ist ein zweites briarpress.org zu werden, Herr Kraus.

Ich arbeite mit Nyloprints und Bleilettern. Auf die Kombination kommt es an, alt und neu, digital und analog. Auf zeitgemäße Grafiken und trotzdem schmackhafte Typographie. Ich kann verstehen das Letterpress als eine Bedrohung empfunden wird, das wird sich aber bestimmt legen. Buchdruck und Letterpress sind beides Nischenmärkte, die werden sich arrangieren.

p.s: wasserlösliche Druckfarben, Herr Kersting? Für Buchdruck? (die Linoldruckfarben habe ich schon ausprobiert... negativ) Mehr Infos! Dankeschön!
  — Sabrina · 01. 12. 2009 ·
 
18.     Hallo Sabrina,

Als gelernter Buchdrucker bin ich froh um jedes neue Mitglied unserer Zunft. Falls Du Fragen hast, kannst Du mich gerne via meiner Netzseite www.bleisatz.ch kontaktieren. Ich werde versuchen, alle Fragen zu beantworten.
  Markus Ammann · 01. 12. 2009 ·
 
19.     Hi Sabrina,

bin ebenfalls auf dem Pfad heutiges Grafik-Design Schrägstrich Typografie in die Buchdruckmaschine zu bringen. Würde Austausch begrüßen, schick doch mal eine Mail.

Grüße aus Essen
  Sven Winterstein · 01. 12. 2009 ·
 
20.     Wer sich immer noch nichts unter Letterpress vorstellen kann, wird durch dieses knapp fünfminütige Video zum perfekten Buchdrucker:

http://handmadezwonull.blogspot.com/2009/11/letterpress-fur-zuhause.html

Na denn viel Spaß!
  — Thomas Kersting · 02. 12. 2009 ·
 
21.     Jemand verglich vor einigen Tagen den Bleisatz-Blog hier mit http://www.briarpress.org/
Wäre es überhaupt in Ihrem Interesse, Herr Kraus, einen solchen Community-Treffpunkt hier aufzubauen? Wären Sie denn neutral? Dürften dann auch andere Händler hier schreiben? Sind die Fragen unverschämt? ;-)
Sven
  — Sven · 02. 12. 2009 ·
 
22.     Moin, Moin,
@ Sven
Briarpress ist ein paar Nummern größer als die Kommentarspalte des Preußen-Blogs. Und mir nicht unbekannt. Uups. Da muß ich wohl doch endlich einmal die Anschrift korrigieren:
http://www.briarpress.org/1908 Der Eintrag stammt von 2006, glaube ich.
Briarpress hat mich damals inspiriert, ein gewollt privat gehaltenes, kleines Forum einzubinden, um so den Buchdruck-Freunden mit nicht-professionellen Aktivitäten einen Platz zum Austausch von Kontakten und Informationen zu bieten. Der eine sucht eine Maschine, der andere will eine loswerden. Ich muß nicht zwingend an jedem Maschinenwechsel mitverdienen. So gelang es, die Besucherzahlen des Netzauftrittes hier auf durchscnnittlich 150 Besucher pro Tag zu steigern - und alle sind vom Fach. Ich glaube, das ist eine ganz gute Leistung.

Schreiben darf hier, wer immer es will, zum Thema schreibt und ein Mindestmaß an Respekt seinen Mitmenschen entgegen bringt. Also praktisch jeder. Gern auch andere Händler. Wobei... gibt es wirklich noch andere Bleisatz-Händler außer der Schriftgießerei von Herrn Gerstenberg mit seinen Neuschriften? Und ich meine jetzt weder ein, zwei Anbieter, die _auch_ Bleisatz anbieten (zu Apotheken-Preisen, also extrem teuer). Falls es tatsächlcih solche Händler gäbe, dürften auch sie gern hier schreiben. Ich sähe das eher als ein Miteinander als ein Gegeneinander. Der Markt ist so klein und meine rund 25 t Bleisatz ein so gewichtiges Argument - diese Kollegen dürfen gern hier schreiben, wirklich. Ob sie's tun? Falls sie Profis sind, sicherlich. Falls sie keine sind... nicht schad' drum.
  Georg Kraus · 02. 12. 2009 ·
 
23.     Ich habe so meine Mühe mit dem Begriff Letterpress, wie er auf diesem Forum gebraucht wird. Letterpress ist grundsätzlich einfach der englische Begriff sowohl für den Buchdruck, wie auch für die Buchdruckpresse. Diesen Begriff nun einzig für das Prinzip der Photopolymer-Prints oder auch Boxcar-Plate-Prints zu verwenden finde ich unangebracht. Ich verstehe, dass sich hier einige Leute darum bemühen, eine Unterscheidung zwischen dem traditionellen setzen im Hand- oder auch Maschinensatz und der digitalen Gestaltung und Umsetzung mit Photopolymer-Prints zu machen, dafür ist meiner Meinung jedoch der Begriff Letterpress nicht glücklich ausgewählt.

Im englischsprachigen Raum hat Buchdruck und somit Letterpress eine nicht minderwertige geschichtliche Bedeutung gegenüber der zentraleuropäischen Herkunft. In Bezug auf die Plakatgestaltung mit Holzlettern haben die Staaten geschichtlich sogar noch einiges mehr zu bieten als wir Zentraleuropäer. Nun ja, das hat ja auch niemand angezweifelt auf diesem Forum. Letterpress nun für die aufkommende Welle der digitalen Gestaltung und Umsetzung mit Photopolymer-Prints zu verwenden verneint für mich eine grosse englischsprachige Buchdruckgeschichte und auch existierende Buchdruckszene und ist schlicht nicht korrekt. Wie erklären Sie einem amerikanischen Buchdrucker den Unterschied zwischen Photopolymer-Printmaking (nach Ihrer Definition "Letterpress") und Buchdruck (Letterpress)?

Ich denke man müsste einfach die Begriffe Photopolymer-Drucke oder Photopolymer-Prints (oder allenfalls Boxcar Prints) verwenden. Dann ist klar, was damit gemeint ist. Von mir aus könnte man auch sagen: "Moderne Photopolymer-Prints". Um eine Unterscheidung zur klassischen Verwendung von Photopolymer-Clichés oder allenfalls auch Magnesium-Clichés zu machen.

Zum Thema der Prägung. Ich sehe da einfach ein grundsätzlicher Unterschied zwischen vielen (ich würde nicht sagen allen!) amerikanischen Buchdruckern und uns Europäern: In Amerika wird oftmals geprägt! Sei es mit Blei, Holz oder Photopolymer. Weniger Farbe ? mehr Druck. Pfeffern statt salzen. Dies sah ich in vielen traditionellen Betrieben wie auch in den meisten neuzeitlichen. Zudem sehen das auch viele Kunden (wie auch hier auf dem Forum schon diskutiert) als Qualität des Buchdrucks. Wobei ich das nicht unterstützen würde. Meiner Meinung nach liegt die Qualität der Buchdrucktechnik (unabhängig von der Art der Druckvorlagen-Herstellung) vor allem in der Sattheit der Farben, des Farbauftrags und der Handhabung von unterschiedlichen Papieren. Zudem erlaubt die manuelle Druckvorlagen-Herstellung unvergleichliche Möglichkeiten zur Unterstützung des gestalterischen Entwurfs.

Ich finde einzig, man müsste solche Home-Printing-Utilities zur Scrapbook- und Homedeko-Herstellung (wie sie im Link von Thomas Kersting/ / Beitrag 20) nicht mit Letterpress, sondern Stamping (also Stempeln) bezeichnen. (Kartoffelstempel wird bei uns auch nicht als Buchdruck bezeichnet). Dies ist jedoch ein Problem des englischen Sprachgebrauchs, worauf wir hier keinen Einfluss nehmen können.

Abschliessend zu Thema Mac vs. analoge Gestaltung. Ich bin der Meinung, dass weder schlechte Gestaltung vom Mac noch schlechte analoge Gestaltung gedruckt werden sollte. Ein guter Druck wertet auch keine schlechte Gestaltung auf. Vielfach ist halt das Problem, dass heute mit Photopolymer-Prints eine mittelmässige Gestaltung gerechtfertigt wird. Ich finde; Das Mittel muss der Gestaltung entsprechen.
Der Mac hat hat das Problem, dass für den Laien alles immer von Anfang an sauber aussieht. Egal ob die Gestaltung auch dem Inhalt entspricht. Wo man sich bei einer Handskizze noch zweimal fragt, ob das nun Sinn mach oder nicht, hat man in der Software bereits den "Print" Button geklickt. Eine saubere typographische Ausarbeitung ist jedoch sowohl analog wie auch digital erforderlich.
Allerdings muss man im Gegenzug auch sagen, dass gerade bei Visitenkarten im Bleisatz die Zeilen oftmals einfach abgesetzt (allenfalls ein wenig ausgeglichen) werden. Typographisch zwar korrekt, wunderbar gedruckt ? Gestalterisch jedoch ohne jegwelchen Anspruch an Layout oder Entwurf. Ein solch pragmatisches Vorgehen mit der alten Technik rechtfertigt ebenfalls keinen Druck.

Es gibt noch ein weiteres, zu beobachtendes Phänomen. Junge Gestalter, die mit dem Computer und "Offsetqualität" gross geworden sind, sehnen sich teilweise immer mehr nach dem "Unsauberen". Das, wogegen Schriftsetzer Jahrhunderte lang gekämpft haben, dass es Unregelmässigkeiten im Druck geben kann, wenn Buchstaben abgenützt oder verletzt sind wird wieder geschätzt. Übersättigt von der sauberen und aufgeräumten digitalen Welt (sowohl virtuell als auch im Print) wenden sich viele jüngere Generationen den analogen Drucktechniken zu. Unsauberheiten sind erlaubt und erwünscht.
Ich verstehe, dass dies für einen gelernten Schriftsetzer oder Drucker unerklärlich und schlicht laienhaft erscheint. Jedoch könnte das auch als Chance für die Weiterentwicklung der Technik gesehen werden. Junge Leute mit einem ganz neuen Zugang entdecken eine alte Technik. Alle könnten voneinander profitieren. Zudem: Der gute Gestalter hat vor so einer Bewegung nichts zu fürchten.
Vielleicht ist dies zu Vergleichen mit der Entwicklung von digitalen Schriften in den 80er Jahren. Durch das Aufkommen des DTP wurde die Forderung nach neuen Schriften laut. Nie war es einfacher und billiger Schriften zu zeichnen, umzusetzen und diese auch zu drucken. Eine gigantische Vielfalt an amorphen Zeichensätzen und Hybridschriften entstand. Viel Humbug wurde betrieben. Jeder Schriftgestalter wird sich von dieser Entwicklung distanzieren. Nichtsdestotrotz kann man der Zeit eines abgewinnen: Der Umgang mit der Form und den Buchstaben an sich, hat sich den Möglichkeiten des digitalen Raums geöffnet. Nur durch diesen Prozess der Abnabelung und Weiterentwicklung der Gestaltungsmethoden aus den Zeiten des heissen Satz' konnte die digitale Gestaltung dort hingelangen, wo sie heute ist. (Unabhängig, vom Stuss der oftmals produziert wurde und wird...).

So genug geplaudert. Vielleicht noch zu mir als Person: Ich bin 27-Jährig, habe ein Studium in Visueller Kommunikation an der ZHdK in Zürich abgeschlossen. Zudem habe ich ein Praktikum in Nashville, TN, bei einer der ältesten und grössten Holzlettern-Plakatdruckereien in den Staaten gemacht. Meine Abschlussarbeit "Woodtype-Now!" (www.woodtype-now.ch / ein aktueller ausführlicher Bericht über meine Arbeit erschien gerade letzte Woche auf www.woodtyper.com) untersucht die Möglichkeiten von digitaler Gestaltung und der Buchdruckplattenherstellung mit Lasertechnik. Zurzeit arbeite ich selbständig als Gestalter und Buchdrucker. www.babyinktwice.ch
Ich arbeite mit Holz, Blei, Plexiglas, Linol, Photopolymer, Schnitt-Lasertechnik & Macbook... UND: Wenn ich im englischen von meiner Arbeit spreche, verwende ich den Begriff Letterpress! Ahoi!
  Dafi Kühne · 02. 12. 2009 ·
 
24.     Wenn man die Beiträge so liest könnte man meinen das Druckergebnis hängt nur vom Satz ab. Egal ob Digital oder Bleisatz für beides braucht man Fachwissen im Umgang mit Schriften und so weiter. Was hier im Blog aber total untergeht, "Drucken" ist nicht einfach Farbe auf eine Walze schmieren den Druckstock einfärben und dann drucken das ein Blinder das Ganze durch abtasten lesen kann. Hier gehört schon etwas mehr dazu schließlich war der Buchdrucker ein Lehrberuf. Und hier trennt sich sehr schnell die Spreu vom Weizen. Die Profis (MZS) wird man sehr schnell an Ihrer Arbeit erkennen. Druck und Weiterverarbeitung spielen bei der Sache eben auch ne große Rolle. Mal schnell ein paar Drucke auf ner Korrex oder einem Bostontiegel gemacht reicht vielleicht für Korrekturabzüge, aber zu guter Handwerksarbeit gehört nun mal mehr. Zurichtung usw. werden für die meisten die hier ihre Kommentare abgeben wahrscheinlich Fremdworte sein. Also ein bischen mehr Respekt vor den Buchdruckern wäre schon angebracht. Wenn man auf diversen Märkten (Minipressen-Messen usw) stöbert trifft man auf soviel "Schrott" und es gibt sehr wenige gute Arbeiten. Die meisten vermitteln einem den Charakter wie die Arbeiten die früher im Werkunterricht in der Schule gemacht wurden. Es sieht immer etwas nach "Murks" aus.
Gott grüß die Kunst, Sie ist verhunzt!!!
  — ein gelernter Bleisetzer · 02. 12. 2009 ·
 
25.     Der Kommentar von Dafi Kühne beschreibt das ganze Thema mit einer wunderbar weltläufigen, offenen Sichtweise und stellt das Begriffliche hier richtig. Sehr gut! Chapeau!
  Sven Winterstein · 03. 12. 2009 ·
 
26.     I read with interest every morning this blog and finish my day with having another look at it, and I am surprised to see the discussion about the term 'letterpress'. Bitte continue to use the German Buchdruck und Buchdrucker, Druckpresse usw. I read the entries on Briar Press, where people are 'letterpressing' instead of printing in letterpress and buying 'letterpresses', rather than 'printing press'. There is no harm in amateurs starting with printing, but let's help them to use the correct vocabulary. I'm sorry that this is in English, but my written German has become soo bad over the years.
  — thomas gravemaker · 04. 12. 2009 ·
 
27.     In einer Kammer steht ein Tiegelchen, mit dem drucke ich, und zwar von Klischees. Nylos. 500 km entfernt stehen 1,5 Tonnen Blei.

Auf dem Schreibtisch steht ein Mac, mit dem ich Bücher gestalte.
Reicht 1/4 Million Euro um den Schriftfundus in Blei nachzukaufen?

& jetzt ... kaufe ich mir endlich 1 Kilo Chevalier, damit ich Visitenkarten schnell & wirtschaftlich im Bleisatz herstellen kann. Meinen Kunden muß ich halt beibringen, daß guter Druck aussieht, als käme er aus der Offsetpresse ... na ja, fast.

Ganz ehrlich: die englische Schreibschrift drucken zu können, ohne sich (in Ermangelung eines strengen Meisters) selber hauen zu müssen, ist ein Genuß. Buchdruck ist nicht nur ein Lehrberuf, sondern eine Kunst, wie der gelernte Bleisetzer richtig sagte.
Schriften zu zerstören hingegen, insbesondere Schreibschriften, geht auch ohne Letterpresserei ganz einfach, ohne große Lehrzeit - dann ist sie halt erst nach dem dritten Einsatz hin, statt nach dem ersten, wenn man nicht s e h r sorgfältig ist. Auch von der Englischen liegen noch ein paar Kilo herum, aber bitte: das ist Verschleißmaterial, und wenn ich's verschleiße, ist es weg. Daher: danke, liebe BASF. Bitte ganz deutlich: Benutzen = Verschleißen, egal wie toll sie gedruckt wird. Natürlich hält sie bei einem Meister, einem wahren Künstler, länger - aber man schaue sich die alten Tarife an, da ist alles geredet.

Letztes Jahr habe ich die schmalfette Bernhard Fraktur digitalisieren lassen, weil sie nirgends zu finden war - und dann zeigt mir mein Lieblingsbuchdrucker (Setzermeister seines Zeichens) zwei Steckschriftkästen ... das sind Freuden - aber selbst eine solche Schrift ist ein Verschleißmaterial, und irgendwann ist sie abgenudelt, da kann das Papier noch so liebevoll "geküßt" werden. Wozu gab's denn die Ludlow?

Gott grüß die Kunst und erhalte mir meine Muttersprache!
Nix letterpressen.
  Tjalf Boris Prößdorf · 26. 12. 2009 ·
 
28.     Vor einigen Wochen habe ich die ehemalige Maschinensatzabteilung eines Verlages übernommen. Darunter befand sich auch ein Schrank mit vier Magazinen, noch gefüllt mit Matrizen. D.h. in den Magazinen befinden sich die vier zuletzt benutzten Schriften des Verlages. Beschriftet waren sie folgendermaßen: 1. Hochzeitsanzeigen/Danksagungen klein, 2. Hochzeitsanzeigen/Danksagungen groß, 3. Trauerkarten klein, 4. Trauerkarten groß. Die Prüfung des Inhaltes der Magazine ergab dann Folgendes: 1. Garamond kursiv 8 Punkt, 2. Garamond kursiv 10 Punkt, 3. Helvetica halbfett 8 Punkt, 4. Helvetica 10 Punkt halbfett.

Wir erkennen hier, in welche Dienste die stolzen Linotype-Maschinen in den letzten Jahren "degradiert" wurden und wie die letzten kommerziellen Einsätze des Bleisatzes ende der Siebziger eindeutig das Einsatzgebiet des "Letterpress" vorausdeuten. Allerdings wird hier Traditionelles vorgeschlagen und die Spielerei der Computerschriften ist noch kein Thema! - Weiterhin sehen wir, wie eng Freud' und Leid' für den Schriftsetzers beieinander liegen.

Firmenakzidenzen in hohen Auflagen sind da auch kein Thema mehr. Ich möchte damit sagen: Verschleiß ist unter Könnern heute nicht mehr das primäre Problem! OK - zieht der Heidelberger Tiegel öfters Doppelte eines 246 g Büttenkartons, ist die Lithografia hin! Ein sensibel und zart bedienter Boston-Tiegel allerdings zerstört keine Schrift und garantiert eine Nutzung der Schrift für mindestens zwei Generationen - natürlich ohne Letterpress. Berufskollegen wissen wovon ich spreche.

Außerdem gibt es Ludlow- und Linotype-Maschinensatz. Diese ehrwürdigen Techniken potenzieren die Zukunft des Bleisatzes - allein mit dem vorhandenen Matrizenmaterial nochmals auf mehrere Generationen.

Gott grüße die Kunst!
Thomas Kersting
  — Thomas Kersting · 29. 12. 2009 ·
 
29.     Ich arbeite freiberuflich als Handsetzer in einem Druckerei-Museum.

Diese edle Buchdrucker-Arbeit soll uns Spass machen und kein Stress mit Brotsatz. Wir haben zwar auch eine alte Linotype-Maschinensatz aber nun je, sowas im Museum zu starten geht leider nicht.

So gesehen wäre eine Anlage zur Herstellung dieser Platten für unser Museum willkommen, Mac und Filmbelichter ist vorhanden.

Mal so ungeniert direkte Frage: Hat wer noch so ne alte Maschine da stehen die er weg haben will. Oder weis wer wo ich so ne Anlage für unser Museum herbekomme.

Grüsse aus Luxemburg
  Romain Baustert · 13. 01. 2010 ·
 
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