Preussenflagge Preußisches Bleisatz-Magazin
Startseite - Home
Magazin - Online-Shop
Impressum - Imprint
Tagebuch - Blog
Tagebuch - Blog
Was geschah - What happened
Hintergrund - Background
Wurzeln - Roots
Schriftensammlung - Type collection
Collagen - Collages
Hauptproben - Specimen
Lexikon - Dictionary
Memorabilia - Memorabilia
Gstebuch - Guestbook
Forum - Forum
Verweise - Links
Presse - Press
Stichwortsuche:

E-Post an den Bleisetzer - E-Mail
Allgemeine Gesch ftsbedingungen - Business conditions

Vertriebsrepräsentanz für gußfrische Schriften der Schriftgießereien
Logo D.Stempel GmbH

Logo Bauer types

Anstößige Texte zum Runterladen und Weiterverbreiten Spatzseite

Die Hamburger Nachrichten erscheinen wieder


03.12.2009

 Zuletzt im Jahre 1939 verboten, erscheinen nun die Hamburger Nachrichten wieder — ich verspüre eine angenehme Überraschung, als ich den DIN C4-Umschlag öffne, der mir heute unaufgefordert, aber gewiß nicht unwillkommen zugesandt wurde. Halbes Berliner Format (210 mm x 300 mm) — sagen wir jetzt einfach einmal. Pi x Daumen kommt's ja hin. Und auch sonst ist alles dran: Eine schöne Kanzlei Gotisch für den Namens-Schriftzug, sogar ein schönes, klassisches Emblem darüber schmücken den Titel. Und in der Titelei untergebracht, ganz, wie es sich gehört, neben dem Preis auch Jahrgang, Ausgabe und Wissenswertes über die Historie des Blattes sowie der Name des Herausgebers (zu dem kommen wir aber erst später). Das Layout ist zweifarbig angelegt, ein traditionelles Zeitungs-Tableaut, nichts daran auszusetzen, denn es unterstreicht den Traditions-Charakter der Zeitung, will nicht durch ein modernes Layout Widerspruch zur Schrift erzeugen.

Denn das ist die eine Hälfte der Überraschung: Die 8-seitige, vierfarbige Ausgabe ist durchgehend aus der Gutenberg-Fraktur gesetzt — eine in der Zeit des Ersten Großen Weltenbrand durchaus häufig gewählte Grundschrift für unsere deutschen Zeitungen. Die zweite Hälfte der Überraschung — und damit ist genau diese komplett: Die Beiträge der acht Zeitungsseiten beschäftigen sich keinesfalls, wie von mir zunächst erwartet, mit Historischem, vielleicht einem Nachdruck eines Liebhabers von Fraktur-Schriften oder derartigem? Nein, die Beiträge sind top-aktuell und beschäftigen sich mit bundesweiten oder lokalen Themen der hohen Politik.

 Als Anreißer dienen zwei Kurznachrichten: „Hugo Rüter: Symphonie wiederentdeckt!“ und „Aus der Wohldorfer Kleinbahn wurde nichts!“ Und welche Schrift wurde als Hervorhebung zur Gutenberg-Fraktur im Grundtext für die Überschrift gewählt? Die Tannenberg, ich glaub' es nicht. Nun gut. Meine Neugier ist geweckt, ich schiebe sämtliche offenen Arbeiten auf meinem Schreibtisch auf den „Möglichst umgehend bearbeiten“ Stapel und nehme mir das Blatt genauer vor. „Himmel und Zwirn, irgendwie kommt mir diese gesamte Anmutung des Blattes bekannt vor. An was erinnert mich diese einerseits fast schon freche Kombination der Schriften, das gedrängte Layout und die — ich sehe es jetzt erst — unterschiedlichen Gebrochenen Schriften für die Überschriften?

Nun „liest“ man eine neue Zeitung als Mann vom Fach völlig anders als ein normaler Leser. Ist man von der Journaille — und zu der zähle ich mich als Druckvorstufen-Fachmann noch am ehesten — dann liest man zunächst einmal das Impressum. Man nimmt das Layout in sich auf, überfliegt die Überschriften, um sich einen schnellen, oberflächlichen Eindruck von der Ausrichtung dieser neuen Zeitung zu verschaffen (glauben Sie bloß nie den Schiet von der angeblichen Unabhängigkeit der Zeitungen. So was gab's noch nie. Alfred Hugenberg und Axel Springer schmoren mit Sicherheit in benachbarten Kabinen des Hades). Ah... ja. „Gedenktafel für Synagoge“. Verstehe. Joh. Schon klar. Wie? Was steht da? Ich muß lachen. Da hat doch der Herr Redakteur erfolgreich mit meinem Schubladendenken als Leser gespielt. Die Synagoge wurde gar nicht in in der Nacht vom 9. November auf Geheiß des Dr. Goebbels niedergebrannt. Und folgerichtig erinnert die Gedenktafel auch gar nicht an diese Nacht. Hamburger Feuerwehrleute verhinderten den Großbrand rechtzeitig. Die Synagoge konnte ab 1939 wieder genutzt werden. Brave Männer, diese deutschen Feuerwehrleute. Am 27. Juni 1943 erst wurde die Synagoge durch den anglo-amerikanischen Bombenterror völlig zerstört. Das steht da wörtlich „anglo-amerikanischer Bombenterror“. Eine Überraschung. Wer nun wiederum falsch denkt und den Gesinnungstest der Hamburger Nachrichten vom vermeintlichen Betroffenheits-Gutmenschentümlichen in die entgegengesetzte Richtung, in den Revanchismus, lenkt — nein, ich mache Fehler nur einmal, Wiederholungen sind so gut wie ausgeschlossen — der wird wiederum überrascht. Es geht im Folgenden um das, was eine jede Tageszeitung auch schreiben könnte. Einschließlich Lokalkalorit in Berichten, die ich als Nicht-Hamburger mangels näherer Informationen einfach nur hinnehme und unbewertet registriere.

 Mir ist jetzt auch klar, wer Herausgeber und Schriftleiter des neuen Blattes ist — und Sie, liebe Leser des Bleisetzer-Tagebuches, dürften ihn auch kennen, denn sein Ruf als Anbieter digitaler Versionen von Gebrochenen Schriften schallt durch das Weltnetz wie Donnerhall, zumindest, wenn man sich mit Gebrochenen Schriften beschäftigt und entweder im Bleisatz zu Hause ist wie ich oder aber zu den vielen Kollegen der elektronischen Druckvorstufe gehört, die sich für die Gebrochenen Schriften nicht nur interessieren, sondern sie auch einsetzen. Der Herausgeber ist Dipl.-Ing. Gerhard Helzel.

Für die unter meinen Lesern, bei denen der Name des Herrn Helzel nicht sofort Assoziationen hervorruft wie bei uns Eingeweihten, ein kurzer Einblick in seine Außendarstellung — also in das, was Herr Helzel uns, den anonymen Beobachtern im großen Weltnetz, von sich zeigt: Meine erste Reaktion, als ich Herrn Helzels Netzseite vor einigen Jahren zum erstmals besuchte, war: Um Gottes Willen. Was, bitte, soll DAS sein? Der Griff zur Augensalbe war Reflex. Und so wie mir geht es wohl allen, die in irgendeiner Form mit der professionellen Gestaltung zu tun haben. Herrn Helzels Netzseite ist ein absolutes Negativ-Beispiel für jeden Mediengestalter.

Und schon war ich hereingefallen auf diesen Kerl (siehe „Schubladendenken weiter oben“). Tatsache ist: Der Mann ist ein Profi und digitalisiert alte Bleisatz-Schriften — welch' eine wunderbare Entscheidung. Auch, weil man damit bestimmt niemals Millionär werden kann, ihm also anderes wichtig ist als schnöder Mammon. Während ich mit meiner Schriftensammlung, in die ich immer wieder komplette Zeichensätze von in Vergessenheit geratenen alten Bleisatz-Schriften einstelle, ja letztendlich tote Produkte erstelle, die im günstigsten Falle noch zur Recherche dienen mögen, erweckt Herr Helzel mit seinen Digitalsisierungen eben diese Schriften wieder zum Leben. Denn man kann sie bei ihm Herunterladen und auf dem Mac oder PC für die Gestaltung im Satz oder in der Textverarbeitung einsetzen. Herr Helzel arbeitet seit Jahren sowohl mit Linotype als auch mit dem Schriftenservice Stempel zusammen, dem Nachfolge-Unternehmen der Schriftgießerei D. Stempel AG. Kann es bessere Referenzen geben? Wohl kaum. Spätestens jetzt und nach einem Besuch seiner Hauptseite bin ich davon überzeugt: Der Mann hat einfach einen genialen Humor und schert sich einen Kehricht darum, was wir über seine Netzseiten denken. Gut so, weitermachen.

 Was nun die Hamburger Nachrichten angeht — von der es, wie es sich heute gehört, natürlich auch eine Online-Ausgabe gibt (wobei mir die Print-Ausgabe besser gefällt)... Ich möchte Ihnen raten: Abonnieren Sie das Blatt. Es erscheint viermal im Jahr, kostet 2,— Euro pro Ausgabe und sofern Herr Helzel einverstanden ist und ich es mir leisten kann, werden Sie in den Folgeausgaben auch regelmäßig eine Anzeige des Preußischen Bleisatz-Magazins dort abgedruckt finden. Herr Helzel: Bitte machen Sie weiter. Ich lasse mich auch in Zukunft gern von Ihnen überraschen. Ach ja, eins noch an die Schlußredaktion oder den CvD: „Zwei Zwillinge“ sind in jedem Falle 2x2=4 Personen. Warum dürfen nur zwei davon auf's Bild? Ach, egal: Löschen Sie das Wort „Zwei“ ersatzlos, dann stimmt es. Seufz...


< zum Inhaltsverzeichnis


Kommentare
1.     Die flott geschriebene Besprechung der aktuellen Ausgabe der von Herrn Helzel bearbeiteten und herausgegebenen "Hamburger Nachrichten" entspricht auch meiner Beurteilung. Herr Helzel ist auf dem Gebiet der Schriftdigitalisierung eiun echter Könner. Im Stillen hoffe ich allerdings, daß Herr Helzel seine Schriftmusterseiten übersichtlicher gestaltet, wie von mir angeregt. Wie habe ich darin schon herumsuchen müssen, um festzustellen, ob Herr Helzel eine bestimmte historische Schrift anbietet oder nicht.
  — Wolfgang Hendlmeier · 03. 12. 2009 ·
 
2.     Herr Helzel ist genial! Ich hätte nicht gedacht, daß er dieses Projekt so rasch umsetzt und wünsche ihm, dem Digitalisiserer der Bernhard Schmalfett jeglichen Erfolg!
  Tjalf Boris Prößdorf · 26. 12. 2009 ·
 
3.     Diese Zeitung ist eine Augenweide. Ich bin in der glücklichen Lage sie abonniert zu haben und kann dies nur jedem empfehlen.
Hoffentlich besteht Sie noch recht lange, viel Erfolg.
  — Gerrit Bläser · 16. 06. 2010 ·
 
Einen Kommentar eintragen
  wird nicht angezeigt