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Die Hamburger Nachrichten erscheinen wieder
Denn das ist die eine Hälfte der Überraschung: Die 8-seitige, vierfarbige Ausgabe ist durchgehend aus der Gutenberg-Fraktur gesetzt — eine in der Zeit des Ersten Großen Weltenbrand durchaus häufig gewählte Grundschrift für unsere deutschen Zeitungen. Die zweite Hälfte der Überraschung — und damit ist genau diese komplett: Die Beiträge der acht Zeitungsseiten beschäftigen sich keinesfalls, wie von mir zunächst erwartet, mit Historischem, vielleicht einem Nachdruck eines Liebhabers von Fraktur-Schriften oder derartigem? Nein, die Beiträge sind top-aktuell und beschäftigen sich mit bundesweiten oder lokalen Themen der hohen Politik.
Nun „liest“ man eine neue Zeitung als Mann vom Fach völlig anders als ein normaler Leser. Ist man von der Journaille — und zu der zähle ich mich als Druckvorstufen-Fachmann noch am ehesten — dann liest man zunächst einmal das Impressum. Man nimmt das Layout in sich auf, überfliegt die Überschriften, um sich einen schnellen, oberflächlichen Eindruck von der Ausrichtung dieser neuen Zeitung zu verschaffen (glauben Sie bloß nie den Schiet von der angeblichen Unabhängigkeit der Zeitungen. So was gab's noch nie. Alfred Hugenberg und Axel Springer schmoren mit Sicherheit in benachbarten Kabinen des Hades). Ah... ja. „Gedenktafel für Synagoge“. Verstehe. Joh. Schon klar. Wie? Was steht da? Ich muß lachen. Da hat doch der Herr Redakteur erfolgreich mit meinem Schubladendenken als Leser gespielt. Die Synagoge wurde gar nicht in in der Nacht vom 9. November auf Geheiß des Dr. Goebbels niedergebrannt. Und folgerichtig erinnert die Gedenktafel auch gar nicht an diese Nacht. Hamburger Feuerwehrleute verhinderten den Großbrand rechtzeitig. Die Synagoge konnte ab 1939 wieder genutzt werden. Brave Männer, diese deutschen Feuerwehrleute. Am 27. Juni 1943 erst wurde die Synagoge durch den anglo-amerikanischen Bombenterror völlig zerstört. Das steht da wörtlich „anglo-amerikanischer Bombenterror“. Eine Überraschung. Wer nun wiederum falsch denkt und den Gesinnungstest der Hamburger Nachrichten vom vermeintlichen Betroffenheits-Gutmenschentümlichen in die entgegengesetzte Richtung, in den Revanchismus, lenkt — nein, ich mache Fehler nur einmal, Wiederholungen sind so gut wie ausgeschlossen — der wird wiederum überrascht. Es geht im Folgenden um das, was eine jede Tageszeitung auch schreiben könnte. Einschließlich Lokalkalorit in Berichten, die ich als Nicht-Hamburger mangels näherer Informationen einfach nur hinnehme und unbewertet registriere.
Für die unter meinen Lesern, bei denen der Name des Herrn Helzel nicht sofort Assoziationen hervorruft wie bei uns Eingeweihten, ein kurzer Einblick in seine Außendarstellung — also in das, was Herr Helzel uns, den anonymen Beobachtern im großen Weltnetz, von sich zeigt: Meine erste Reaktion, als ich Herrn Helzels Netzseite vor einigen Jahren zum erstmals besuchte, war: Um Gottes Willen. Was, bitte, soll DAS sein? Der Griff zur Augensalbe war Reflex. Und so wie mir geht es wohl allen, die in irgendeiner Form mit der professionellen Gestaltung zu tun haben. Herrn Helzels Netzseite ist ein absolutes Negativ-Beispiel für jeden Mediengestalter. Und schon war ich hereingefallen auf diesen Kerl (siehe „Schubladendenken weiter oben“). Tatsache ist: Der Mann ist ein Profi und digitalisiert alte Bleisatz-Schriften — welch' eine wunderbare Entscheidung. Auch, weil man damit bestimmt niemals Millionär werden kann, ihm also anderes wichtig ist als schnöder Mammon. Während ich mit meiner Schriftensammlung, in die ich immer wieder komplette Zeichensätze von in Vergessenheit geratenen alten Bleisatz-Schriften einstelle, ja letztendlich tote Produkte erstelle, die im günstigsten Falle noch zur Recherche dienen mögen, erweckt Herr Helzel mit seinen Digitalsisierungen eben diese Schriften wieder zum Leben. Denn man kann sie bei ihm Herunterladen und auf dem Mac oder PC für die Gestaltung im Satz oder in der Textverarbeitung einsetzen. Herr Helzel arbeitet seit Jahren sowohl mit Linotype als auch mit dem Schriftenservice Stempel zusammen, dem Nachfolge-Unternehmen der Schriftgießerei D. Stempel AG. Kann es bessere Referenzen geben? Wohl kaum. Spätestens jetzt und nach einem Besuch seiner Hauptseite bin ich davon überzeugt: Der Mann hat einfach einen genialen Humor und schert sich einen Kehricht darum, was wir über seine Netzseiten denken. Gut so, weitermachen.
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