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Bonaparte beeinflußte die Typographie


28.11.2009

 Napoleon Feldzug nach Ägypten von 1798—1801 sollte den Druck Englands auf die französische Armee auf dem europäischen Festland nehmen. Was kurzfristig auch gelang. Letztendlich jedoch besiegten die Engländer Napoleon und in den Friedensverhandlungen fielen dann unter anderem seine archäologischen Funde in Ägypten, darunter der Rosette-Stein, in die Hände der Engländer. Auf diesem Stein waren ägyptische Hieroglyphen abgebildet und anhand derer gelang es der archäologischen Forschung, diese Bildersprache zu entschlüsseln. Alle diese Ereignisse zusammengenommen verursachten in der Oberschicht der europäischen Gesellschaften eine neue Mode, heute würde man es einen „Hype“ nennen. Alles, was mit Ägypten zusammenhing, war beim Publikum angesagt. Was lag nun näher, als daß sich auch die Schriftgießereien Europas dieses Hypes als Werbemittel bedienten? Es entsteht eine ganze Schriftengruppe mit Namen Egyptienne.

Die ersten Egyptienne-Schriften kamen in England auf den Markt. Sie zeichneten sich aus durch eine streng rechtwinklige Form der sehr hervorgehobenen Serifen. Diese Schriften wurden ausschließlich für den Satz von Überschriften verwendet, als Brotschriften (also für Fließtexte) waren sie aufgrund der zu starken Dominanz der Seriphen nicht gut lesbar.

 Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verging diese Mode und kaum jemand verwendete solche Egyptienne-Schriften noch. Sie wurden abgelöst durch die neuen „grotesken“ Schriften. Ist uns heute eine Arial so geläufig, daß wir sie als langweilig empfinden, so gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorwiegend Gebrochene Schriften, u.a. Fraktur-Schriften, aus denen alle Drucksachen gesetzt wurden. Die neuen Grotesk-Schriften wichen so stark vom Abbild der bis dahin gebräuchlichen Schriften ab, daß man sie als „grotesk“ empfand. Auch oder sogar gerade in der Welt der Typographie kommt es immer wieder zu gewollten Stilwandlungen, ja, Stilbrüchen. So verschwanden die Egyptienne-Schriften aus dem täglichen Gebrauch der Druckereien. Erst Mitte der Dreißiger Jahre enstanden neu entwickelte Egyptienne-Schriften. Schriftentwerfer fügten nun Hohlkehlen an die Nahtstellen der Serifen. So war es möglich, die Lesbarkeit auch bei kleineren Schriftgraden von Fließtexten zu erhöhen.

 So konnten sich im Laufe der nächsten 20 Jahre einige sehr interessante Egyptienne-Schriften fest im Markt etablieren: Clarendon, City, Dominante, Memphis, Nofretete (sic!), Schadow, Volta seien hier genannt, weil ich Ihnen Abbildungen der Zeichensätze dazu zeigen kann.

Eine der augebautesten Garnituren biete die Memphis. (Eine Garnitur ist der Sammelbegriff aller verschiedener Schnitte einer Schrift.). Es gibt sie in: zart, mager, halbfett, fett, universal-fett. Dazu gibt es dann noch die kursiven Schnitte aller Versionen.

1964, mit der Einführung der DIN 16 518, war dann Schluß mit dem französischen Kultur-Imperialismus (ein Scherz, bitte...). Von diesem Zeitpunkt an wurden die Egyptienne-Schriften zur Gruppe V - Serifenbetonte Linear-Antiqua.

Heute habe ich einige magere und halbfette Egyptienne-Schnitte ins Online-Magazin eingestellt:
20 p24 p und 36 p halbfette Memphis
24 p und 36 p magere Memphis


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Kommentare
1.     Bei Wikipedia findet man den Hinweis auf eine Ausarbeitung von Peter Wilberg und Indra Kupferschmidt zum Thema Egyptienne. Dort wird innerhalb dieser Gruppe detailiert unterschieden:
http://de.wikipedia.org/wiki/Egyptienne

Bei TypoWiki dagegen findet man nur sehr allgemeines. :(
V.T.
  — Verena T. · 22. 10. 2009 ·
 
2.     Ich mache eine Ausbildung zum Mediengestalter. Aber in meinem Betrieb kann niemand etwas mit der DIN 16 518 anfangen, die Sie immer wieder erwähnen. Gilt die nur für den Bleisatz?
Gruss
Sven
  — Sven Veith · 22. 10. 2009 ·
 
3.     Warum muß man alles und jedes in Deutschen Industrie Normen zusammenfassen? Sind denn nicht die alten Namen wie Grotesk oder Egyptienne viel aussagekräftiger? Selbst ein Endkunde kann damit mehr anfangen.
  — Heregowina · 22. 10. 2009 ·
 
4.     Ich bin ganz hingerissen von dem Photo mit dem Bleidruckstock. Er sieht so warm und einladend aus, wie ein Handschmeichler.
H.T.
  — H.T. · 22. 10. 2009 ·
 
5.     Die Fragen bzw. Kommentare 1?3 kann man schön zusammenfassen und dem Kommentator 4 danke ich herzlich, mir geht es wie ihm/ihr :-)

Ja, die DIN 16518 war schon immer mit Nachteilen behaftet, aber sie reicht für den Bleisatz meiner Meinung nach noch völlig aus. Der Nachteil: Alles, was sich nicht eindeutig klassifizierten läßt, kommt in die Gruppe der Antiqua-Varianten. Da hat man es sich recht leicht gemacht.

In der Zeit der dititalen Schriften ist die Situation noch extremer. Ich las irgendwo, daß über dreiviertel der neuen Schriften aus der Gruppe der Antiqua-Varianten stammen. Diese Gruppe ist also viel zu weit gefaßt.

Der Grund, warum man an der DIN 16518 lange Zeit festhielt, war, daß es keine bessere DIN gibt. Man diskutiert darüber, aber das mittlerweile schon so lange, daß die Bärte lang werden.

Allerdings gibt es längst ? seit Ende der Neunziger Jahre ? einen neuen De facto-Standard. Damals hatte Frau Indra Kupferschmid eine neue Gruppierung vorgeschlagen, die vor allem für die neuen Schriften Anwendung fand. Ich fand auf die Schnelle nur eine mich etwas unbefriedigende Formulierung hierzu: "Eine Klassifizierung nach Formprinzip, die auf die Struktur und Wirkung der Schriften eingeht." Sie hat ein Buch dazu geschrieben: Buchstaben kommen selten allein.
Indra Kupferschmid ist eine völlig unpretenziöse Professorin und dem Bleisatz-Magazin verbunden. Sie lehrt in Saarbrücken, war jedoch zuvor lange in Düsseldorf tätig. Es lohnt sich, nach ihr zu googeln, gerade, wenn man eine Ausbildung zum Mediengestalter macht.
  Georg Kraus · 22. 10. 2009 ·
 
6.     Guten Morgen.
Seriphe mit ph? So habe ich das noch nie geschrieben gesehen. Ist das eine alte Form? Oder ein Kraus?scher Neologismus? Oder ein Wortwitz, den ich nicht verstanden habe? Ich vermute ja letzteres.
  — Rainer · 22. 10. 2009 ·
 
7.     Rainer, Du siehst mich zutiefst beschämt. Ich kann es mir nur so gerklären, daß einerseits gestern ein sehr langer Arbeitstag hinter mir lag, ich aber unbedingt diesen Blog-Eintrag noch veröffentlichen wollte, weil auch die Memphis-Schnitte gerade ins Online-Magazin gekommen waren. Und andererseits schreibe ich schon seit etwas über zwei Jahren möglichst viele f-Begriffe wieder mit ph: Typographie, Photographie etc. Aber das mit den Serifen lassen wir doch lieber beim f.
Danke für die Korrektur ? ist schon im Artikel durchgeführt. Und ich habe dann auch noch gleich alle aufgelisteten Egyptienne-Schriften mit den entsprechenden Verweisen versehen.

Serifen mit ph... ja, jeht et noch? Kopfschüttelnd den Kommentar beendend.
  Georg Kraus · 22. 10. 2009 ·
 
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