Napoleon Feldzug nach Ägypten von 1798—1801 sollte den Druck Englands auf die französische Armee auf dem europäischen Festland nehmen. Was kurzfristig auch gelang. Letztendlich jedoch besiegten die Engländer Napoleon und in den Friedensverhandlungen fielen dann unter anderem seine archäologischen Funde in Ägypten, darunter der Rosette-Stein, in die Hände der Engländer. Auf diesem Stein waren ägyptische Hieroglyphen abgebildet und anhand derer gelang es der archäologischen Forschung, diese Bildersprache zu entschlüsseln. Alle diese Ereignisse zusammengenommen verursachten in der Oberschicht der europäischen Gesellschaften eine neue Mode, heute würde man es einen „Hype“ nennen. Alles, was mit Ägypten zusammenhing, war beim Publikum angesagt. Was lag nun näher, als daß sich auch die Schriftgießereien Europas dieses Hypes als Werbemittel bedienten? Es entsteht eine ganze Schriftengruppe mit Namen Egyptienne.
Die ersten Egyptienne-Schriften kamen in England auf den Markt. Sie zeichneten sich aus durch eine streng rechtwinklige Form der sehr hervorgehobenen Serifen. Diese Schriften wurden ausschließlich für den Satz von Überschriften verwendet, als Brotschriften (also für Fließtexte) waren sie aufgrund der zu starken Dominanz der Seriphen nicht gut lesbar.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verging diese Mode und kaum jemand verwendete solche Egyptienne-Schriften noch. Sie wurden abgelöst durch die neuen „grotesken“ Schriften. Ist uns heute eine Arial so geläufig, daß wir sie als langweilig empfinden, so gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorwiegend Gebrochene Schriften, u.a. Fraktur-Schriften, aus denen alle Drucksachen gesetzt wurden. Die neuen Grotesk-Schriften wichen so stark vom Abbild der bis dahin gebräuchlichen Schriften ab, daß man sie als „grotesk“ empfand. Auch oder sogar gerade in der Welt der Typographie kommt es immer wieder zu gewollten Stilwandlungen, ja, Stilbrüchen. So verschwanden die Egyptienne-Schriften aus dem täglichen Gebrauch der Druckereien. Erst Mitte der Dreißiger Jahre enstanden neu entwickelte Egyptienne-Schriften. Schriftentwerfer fügten nun Hohlkehlen an die Nahtstellen der Serifen. So war es möglich, die Lesbarkeit auch bei kleineren Schriftgraden von Fließtexten zu erhöhen.
So konnten sich im Laufe der nächsten 20 Jahre einige sehr interessante Egyptienne-Schriften fest im Markt etablieren: Clarendon, City, Dominante, Memphis, Nofretete (sic!), Schadow, Volta seien hier genannt, weil ich Ihnen Abbildungen der Zeichensätze dazu zeigen kann.
Eine der augebautesten Garnituren biete die Memphis. (Eine Garnitur ist der Sammelbegriff aller verschiedener Schnitte einer Schrift.). Es gibt sie in: zart, mager, halbfett, fett, universal-fett. Dazu gibt es dann noch die kursiven Schnitte aller Versionen.
1964, mit der Einführung der DIN 16 518, war dann Schluß mit dem französischen Kultur-Imperialismus (ein Scherz, bitte...). Von diesem Zeitpunkt an wurden die Egyptienne-Schriften zur Gruppe V - Serifenbetonte Linear-Antiqua.
Heute habe ich einige magere und halbfette Egyptienne-Schnitte ins Online-Magazin eingestellt:
20 p, 24 p und 36 p halbfette Memphis
24 p und 36 p magere Memphis