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Ausschluß-Sortiergerät


28.11.2009

 Das Thema „Ablegen“ gehörte noch nie zu den spannendsten Themen der Druckvorstufe und doch gibt es kaum ein wichtigeres Thema als eben dieses Ablegen.

Ist eine Druckauftrag abgeschlossen, dann wird die Satzform entweder für Folgeaufträge archiviert oder aber die Satzform wird abgelegt, das bedeutet, sie wird aufgelöst in ihre einelnen Bestandteile. Klischees werden gesondert archiviert, dann werden die Messinglinine gezogen, danach die Hohlstege und Regletten. Letztendlich bleiben die Textzeilen übrig. Alle Zeilen müssen nacheinander aufgelöst werden, die größeren Schriftgrade kommen wieder in den entsprechenden Steckschrift-Kasten, die kleineren Schriftgrade, die Brotschriften, in die Setzkästen. So weit, so unvollständig.

Zu all diesen Zeilen gehört immer auch Blindmaterial, der Ausschluß. Die benötigt man nicht nur zwingend für die Wortzwischenräume oder das Spationieren von Satzzeichen wie Ausrufe- und Fragezeichen, Kolon und Semikolon, sondern auch, um die Zeile zum zuvor bestimmten Satzformat aufzufüllen. Dazu verwendet man Quadraten, die in Konkordanzgrößen, also in 2-, 3- und 4-Cicero-Elementen vorliegen. Den Leerraum, der dann noch übrig bleibt, füllt man mit Ausschluß.

Solchen Ausschluß gibt es in allen Schriftgrößen, besser: in allen Schriftkegelgrößen. (Denn eine 9 p Schrift benötigt keinen 9 p Ausschluß, denn sie ist immer auf 10 p Kegel gegossen). Zählen wir durch: 6 p, 8 p, 10 p, 12 p, 14 p, 16 p, 20 p, 28 p — dann kommen wir auf acht Kegel- und somit auch auf acht Ausschlußgrößen. Ausschluß ist weitestgehend in gleichen Größen vorhanden: 1 p, 1.5 p, 2 p, 3 p, 4 p, 6 p (Halbgeviert), 12 p (Geviert). Größere Grade beinhalten dann noch andere Ausschlußgrößen. Ach, und bitte verzeihen Sie mir, daß ich den Punkt statt des Kommas als Dezimaltrenner bei 1,5 p verwendet habe. Es wirkt sonst im aufzählenden Text oft so verwirrend. Wir haben also mindestens sieben Ausschluß-Elemente pro Kegelgröße. 8 x 7 = 56 verschiedene Ausschluß-Elemente bilden den Ausschluß des Schriftsetzers.

56 unterschiedliche Blindmaterial-Elemente können also in einer abzulegenden Satzform übrigbleiben, nachdem sie aufgelöst und auch die Schrift abgelegt wurde. Und von jedem Element können natürlich auch mehrere auf das Ablegen warten. Der Unterschied in der Stärke zwischen einem 2 p Element und einem 1,5 p Element beträgt einen halben Didot-Punkt = 0,188 mm. Nun ist ein Schriftsetzer sehr erfahren beim Erkennen der unterschiedlichen Ausschluß-Stärken. Dennoch muß das Ablegen mit äußerster Sorgfalt vorgenommen werden, denn sonst ist der Ausschlußkasten „verfischt“, also durcheinander und das wiederum erhöht die benötigte Fertigungszeit beim Setzen einer neuen Akzidenz ungemein. Das kann so weit gehen, daß die kalkulierte Zeit für das Setzen einer Akzidenz und somit letztendlich der dem Kunden genannte Preis nicht mehr ausreicht — eine fatale Situation.

Ich habe viele Freitagnachmittage mit den Kollegen mit dem Ablegen in der Setzerei verbracht. Wir nannten das „das Wochenende einläuten“. Meist war dann relative Ruhe. Ruhe in einer Buchdruckerei bedeutet, daß man aus dem Maschinensaal das Zischen und Rumpeln der Tiegel- und Zylindermaschinen hörte (das Zischen kam von der Vakuumpumpe, mit der die Papierbogen angesaugt und zugeführt wurden. Ich habe irgendwo vom Kollegen Nessing aus Berlin einmal Maschinengeräusche als Mp3-Dateien erhalten, muß ich mal raussuchen und hier vorstellen. Ab und zu schrie ein Drucker irgendwelches dummes Zeug herum. Ja, das war so in den Buchdruckereien früher. Die Drucker waren wahrscheinlich halbtaub vom dauernden Maschinenlärm (Ohrschützer? Ah, wah...). Sie konnten sich nur schreiend unterhalten. Wobei... das reichte durchaus, steht ja sogar im Lexikon über Buchdrucker. Übrigens: Zum Ausgleich hier den Eintrag über Schriftsetzer.

 Wo war ich? Ach ja. Beim Ablegen. Wir hörten ein bißchen Musik aus dem alten Kofferradio vom Meister. WDR 4 — ach Gottchen. Deutsche Schlager. Aber ihm gehörte das Radio, er hatte die Macht. (Und als Meister sowieso). Dann haben wir ein bißchen geklönt und auch den Ausschluß abgelegt. Schriftsetzer sind äußerst harmoniebedürftige, friedliebende Menschen. Außer, jemand kommt ihrem Ausschlußkasten zu nahe oder legt gar darin ab. Ich kann mich mal erinnern, daß ich einen Schriftsetzerrücken im grauen Kittel, der mit einer Handvoll Ausschluß in meiner Satzgasse vor dem Ausschlußkasten stand, beim Hereinkommen anbrüllte „Finger weg, ich werd' zum Tier.“ Woraufhin sich dann Herr Gerlach jun., mein Chef, lässig umschaute und meinte: „Das kost' Sie jetzt 'ne Runde für die Setzerei beim nächsten Betriebsfest. Alternativ unterhalten wir uns gleich in meinem Büro unter vier Augen.“ Ehm. Ja. Die Kollegen feixten und hatten ihr Bier sicher.

 Eigentlich wollen Sie nun wissen, wie das Ausschluß-Sortiergerät funktioniert, richtig? Na gut. Es gibt zwei Funktionen — einmal das Sortieren nach Kegelgröße und dann das Sortieren nach Elementstärken. Für beide Sortiervorgänge ist es notwendig, daß die Elemente einzeln hintereinander sauber aufgefädelt gleichmäßig eine Schräge herunterrutschen. Dazu dient ein Rüttler, der im Gerät eingebaut ist. Auf den Rutschen sind kleine Erhebungen zu sehen. Die sorgen für die richtige Ausrichtung der Elemente. Durch die Schwerkraft rutschen die Elemente nun nach unten und richten sich automatisch in Rutschrichtung aus. Vorn am Gerät ist ein Einstellknopf, an dem man die Schriftgröße bestimmen kann. Damit verschiebt man eine runde Scheibe, bis zwischen dem Rand der Bodenplatte und der verschiebbaren Scheibe gerade noch soviel Platz übrig bleibt, wie das Element groß ist, das man sortieren will. Das Gerät funktioniert nach dem Jauch'schen Ausschlußverfahren: Sortiert man vermischte Ausschluß-Größen, dann sortiert man praktisch vom niedrigsten Schriftgrad zum größten. Stellt 6 p Größe ein und alles, was größer ist als 6 p, wandert automatisch in den Auffangbehälter. Stellt 8 p ein und alles, was größer ist als 8 p, ... genau... landet im Auffangbehälter und so weiter.

 Hat man den Ausschluß größenmäßig vorsortiert, nimmt man den Ausschluß nun gleicher Größe, aber unterschiedlicher Stärke und führt sie dem Gerät wieder zu. Sie rutschen nun nicht mehr in den hinteren Auffangbehälter, weil die Einstellung am Knopf vorn ihrer Größe entspricht. Sie Elemente wandern nun auf der runden Scheibe infolge der Zentrifugalkraft nach außen. Quer über die Scheibe sind Leisten montiert, deren Abstand zur Bodenscheibe der jeweiligen Elementstärke von 1 p bis Geviert entspricht. Einfach formuliert: Ein Halbgeviert paßt nicht unter die Leiste, die nur 1,5 p von der Bodenscheibe schwebt. So werden dann auch die Elementstärken sortiert. Letztendlich hat man in jedem Bakelit-Behälter Ausschluß einer Größe in derselben Stärke.

Genial, nicht wahr?

 Dies ist eines der Teile, die ich eigentlich gar nicht abgeben möchte. Eben, weil ich es für so genial halte. Andererseits ist das unsinnig, denn ich sortiere nicht soviel Ausschluß, daß ich ein solches Gerät bräuchte. Also werde ich es verkaufen (müssen), da ich meine laufenden Kosten ja auch decken muß. Seufz. Ja. 375 Euro. Danach riecht das Gerät. Jawohl. 375 Euro. Und wenn es keiner kauft, bleibt's bei mir. Basta.


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Kommentare
1.     Ich meine... gibt es denn überhaupt noch Druckereien, die soviel Bleisatz täglich verarbeiten, so daß sich die Anschaffung lohnt? Nicht falsch verstehen: Ich meinte eher, ob so ein Gerät nicht "zu schade" wäre für eine Druckerei. Und vielleicht ins Museum gehört. Wenn sie noch funktioniert, kann man sie doch fabelhaft vorführen, z.b. in Mainz. Da wird doch auch die Kniehebelpresse täglich vorgeführt.

Sven
  — Sven T. · 19. 10. 2009 ·
 
2.     Im Online-Shop steht die Maschine noch nicht, oder? Nein, nein. Ich würde sie nicht kaufen, wollte nur mal gucken. 380 Euro finde ich zu teuer. Wie kommen Sie auf den Preis? (PURE NEUGIER, nicht bös sein).
  — Kerstin · 19. 10. 2009 ·
 
3.     @ Sven T., # 1
Nein, Setzereien mit fünf, sechs oder mehr Schriftsetzer-Arbeitsplätzen, in denen täglich produziert wird, gibt es nicht mehr. Es gibt wahrscheinlich nur noch einzelne Bleisatz-Gassen.
"Zu schade" ist immer relativ. Rein wirtschaftlich gesehen, macht so ein Gerät auch für einen Ein-Mann-Betrieb Sinn. Oder aber für einen der vielen Sammler oder Liebhaber, die ein solches Gerät z.B., wie eine ganze Reihe Werbeagenturen, ins Foyer ihres Unternehmens stellen. Fahren Sie mal zur Bagel-Verwaltung auf die Grafenberge Allee nach Düsseldorf. Dort steht der Boston-Tiegel (mit einer Satzform mit Tiemann-Antiqua von mir), mit dem der Großvater meines Lehrherrn, Herr Gerlach sen., sich 1898 selbständig gemacht hat. Er und der damalige Herr Bagel waren Geschäftsfreunde. Das aktuelle Familienoberhaupt, Peter Bagel, hat mir diesen Tiegel bei der Tochter meines Lehrherrn, die mir das Teil schon halb versprochen hatte, vor der Nase weggeschnappt für gutes Geld. Warum macht Peter Bagel so etwas? Der hat Druckmaschinen in der ganzen Welt stehen. Aus Tradition, aus Verbundenheit zum Schaffen seiner Familie. Damit kann ich gut leben.
Museen kaufen heutzutage keine Buchdruck-Artikel oder -Maschinen mehr auf. Sie sind ausgerüstet mit dem, was sie brauchen. Viele Museen schicken Anfragende, die ihre Setzerei abgeben wollen, zu mir. (hervorragend, nicht?).

@ Kerstin, # 2
Nein, das Gerät steht nicht im Online-Shop. Ich bin mir noch nicht sicher, ob es richtig ist, was ich da mache. Einerseits... ich kann das Gerät nicht verschenken. Andererseits... ich möchte es nur jemandem geben... wo sie dann auch richtig untergebracht ist. Naja, und der muß dann auch noch den Preis akzeptieren.
Wie ich auf so einen Preis komme? :-))
Das ist der Preis, bei dem ich es schaffe, den Schmerz zu ignorieren, das Gerät abgeben zu müssen. :-)
Nein, ich bin nicht böse. Fragen Sie ruhig, was immer Sie fragen wollen. Ich kann's auch negativ ausdrücken: Ja, ich bin käuflich. Das bringt das Leben so mit sich. Da fällt mir ein... ich habe noch gar nicht nachgeschaut, ob ich letzten Samstag im Lotto gewonnen habe... grins... wir machen es so: Falls ich gewonnen habe (das fängt bei 10K an), dann verschenke ich das Teil.
  Georg Kraus · 19. 10. 2009 ·
 
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