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Auflösung Typo-Rätsel IV


28.11.2009

 Tja. Und hier nun die für heute angekündigte Auflösung des Typo-Rätsels IV, bei dem Ihnen elf Abbildungen von Zitaten Adolf Hitlers vorgestellt wurden, die, in unterschiedlichen Schriften abgesetzt, als Wandsprüche in der damaligen Zeit dienten. Die Fragen lauteten:
1. Welche sechs Sinnsprüche zeigen die original „Nazi-Schriften“?
2. Welche von den fünf anderen, von mir bearbeiteten Schriften, wäre 1940 niemals verwendet worden, weil sie der Nazi-Ästhetik widersprochen hätte?

Also zunächst die Antwort:
Alle Abbildungen zeigen Originale, kein einziges ist von mir elektronisch manipuliert worden. Ich habe Sie schlicht reingelegt. Und keiner hat es gemerkt. Oder er hat, mochte sich aber nicht äußern — siehe unten, warum vielleicht nicht. 

Sie haben sich also vergeblich den Kopf zerbrochen, assoziiert, verglichen, verworfen oder angenommen. Oder Sie haben sich tunlichst zurückgehalten mit einer Meinungsäußerung, wohl wissend, daß eine Beteiligung an einer Nazi-Diskussion, wie alles, auf ewig im großen Weltennetz gespeichert wird und eventuell ja auch einmal imageschädigend wirken könnte, sofern jemand nach Ihrem Namen recherchiert. Eine Art antifaschistische Prophylaxe natürlich. Irgendwo auch eine Art Darbringung einer Opfergabe am Altar der Political Correctness — eine Haltung, für die ich viel Verständnis habe.

 Ich möchte mit diesem gewollten Quizz-Betrug darauf aufmerksam machen, daß wir alle immer in Gefahr sind, in Klischees zu denken. Unser Schubladendenken sagt uns, daß es nicht möglich ist, daß „die Nazis“ Schriften wie die Neue Hammer Unziale für ein Zitat Adolf Hitlers eingesetzt haben, denn „sie“ müssen diese Schrift doch abgelehnt haben. In den Abbildungen auf dieser Seite zeige ich die Heftseiten der Graphischen Nachrichten, Ausgabe Erstes Sonderheft 1940 — Schriftsetzer wird Lehrmeister. In diesem Fachblatt wird über Schriften-Auswahl referiert und ganz offensichtlich hatten die Kollegen damals eine etwas andere Auffassungen, welche Schriften zu Adolf Hitler paßten als Sie, liebe Leser. Sind wir uns einig, daß die Kollegen ebensolche Fachleute waren wie wir selbst? Fein. Unterstellt man nun, daß diese Kollegen nicht mehr und nicht weniger nationalsozialistisch eingestellt waren als der Normalbürger, dann schließe ich daraus, daß es schlicht nicht logisch ist, bestimmte Schriften „Nazi-Schriften“ zu nennen.

 Ohne den Leitenden der damaligen Schriftgießereien Opportunismus vorwerfen zu wollen (wo will man sonst damit beginnen? Wo aufhören?), behaupte ich, daß die Neu-Gothischen Schriften wie die Tannenberg oder die National schlicht das darstellten, was diese Leitenden als Abbild der Epoche ansahen. Und damit sicherlich auch nicht falsch lagen. In der Hoffnung, daß genau diese Schriften von den Druckereien gekauft und eingesetzt würden. Eine marketingtechnische Entscheidung also. Und ich sage Ihnen noch etwas: In wirklich jeder Setzerei-Übernahme, deren Bestände älter sind als 1945 (und das ist die Mehrzahl), sind solche Neu-Gothischen Schriften vorhanden. Beweis: Siehe Online-Magazin.

Gleiches gilt für den Namen „Tannenberg“. Ja, damit wurde eine Assoziation zu einer siegreichen Schlacht zu Beginn des Ersten Weltkrieges hergestellt. Ja, und?

„Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg versuchte Polen, Oberschlesien bis zur Oder sich einzuverleiben. Mit Unterstützung, insbesondere der französischen Truppen, überfielen polnische Aufständische das oberschlesische Industriegebiet und drangen über Groß-Strehlitz bis an die Oder bei Deschowitz und Leschnitz vor und nahmen den Annaberg, mit 410 m beherrschende Anhöhe des ganzen Umlandes, in Besitz. Es kam zu schweren Ausschreitungen der polnischen Aufständischen, insbesondere im Industriegebiet Oberschlesiens, wo ganze Polizeieinheiten niedergemacht und alle zum Deutschtum sich bekennenden Amtsträger schweren Verfolgungen ausgesetzt waren. Entlassene deutsche Soldaten des Ersten Weltkrieges bildeten zusammen mit einheimischer Bevölkerung einen Oberschlesischen Selbstschutz, der durch Freikorpseinheiten aus dem ganzen Reichsgebiet unterstützt wurde. Es gelang in erbitterten Kämpfen mit hohen Verlusten auf beiden Seiten, den Annaberg zu befreien und die polnischen Aufständischen zurückzudrängen.“

 Na? Wer hat das geschrieben? Udo Voigt, der Vorsitzende der NPD? Oder ein „ewiggestrig orientierter Neo-Nazi“? Nö... das hat Erich Mende in seiner Autobiographie geschrieben: Das verdammte Gewissen, Bastei-Lübbe Verlag, 1982, ISBN 3-404-61080-6, Seite 23. Mitgründer der FDP, 1960—67 Vorgänger unseres verehrten Herrn Guido Westerwelle und Vizekanzler der Bundesrepublik. Erich Mende trug mit berechtigtem Stolz sein im Weltkrieg erworbenes (entnazifiziertes) Ritterkreuz bei öffentlichen Veranstaltungen. Ein Mann, der nicht nur mit beiden Beinen auf dem Boden der FDGO (Freiheitlichdemokratische Grundordnung) steht, sondern diese mitbegründet hat. Darf ich annehmen, daß er jenseits des Verdachtes steht, ein Nazi gewesen zu sein? Heute dürfte er so ein Zitat nicht mehr äußern, ohne in eine rechtsradikale Ecke gestellt zu werden.

Noch ein Zitat: Ein Kommenar zu diesem Thema auf der internationalen Typophile-Netzseite. Die Aussage entspricht exakt dem, was wir Deutsche heute als Wahrheit akzeptieren sollen: "The first uprising was the answer on german terror (massacres and repressions) on the future referendal terrain. The second exploded after next numerous acts of terror (Germans still controlled the administration and secret police). The last uprising changed the unprofitable result of the referendum, where polish majority voted against her interests. Let’s remember that years 1918-20 were the time of polish-soviet war, when it wasn’t clear if Poland would survive... After the referendum, Silesian activists resident in territories granted to Germany still suffered riot acts of terrorism."

 Genau hier beginnt meine Kritik an der heute alles beherrschenden Political Correctness: Völlig undifferenziert wird alles verleumdet und diffamiert, was sich nicht in Bausch und Bogen gegen jene 12 Jahre der Nazi-Diktatur wendet. Wer auf die Zusammenhänge der Entwicklung hinweist, wer nicht einstimmt in das große Geheul und mitmacht beim „Kampf gegen Rechts“, der wird ausgegrenzt. Horchen Sie doch einfach einmal in sich hinein. Ich weiß doch — Google Analytics ist da sehr genau — daß über 170 Leser  meinen Beitrag zum Typo-Rätsel gelesen, sich aber unterdurchschnittlich viele überhaupt dazu geäußert haben. Gut, viele interessiert das Thema nicht, auch, wenn sie Typographen sind. Wieso eigentlich nicht? Aber ich befürchte, einige haben tatsächlich nichts geschrieben, weil sie in einer Google-Recherche zu ihrem Namen da nicht in Zusammenhang mit einem solchen Thema gebracht werden wollen. Das empfinde ich als... ich weiß nicht genau, beängstigend?, beunruhigend? Ich glaube, in Diktaturen wie nach 1933 oder vielleicht auch in der DDR muß das ähnlich gewesen sein. Manche mögen nun sagen, daß sie von dem Nazi-Thema einfach nichts mehr hören wollen. Ja, aber dann frage ich: Wer strahlt denn praktisch täglich Sendungen zu diesem Thema auf so ziemlich allen Fernsehkanälen aus und verbreitet dort die Wahrheiten, die gern gesehen werden, aber mit der Realität dessen, was ein Erich Mende als Zeitzeuge schrieb, so gar nichts zu tun haben? Nachdenklich. Genau: Nicht beänstigend oder beunruhigend, das wäre zu viel. Es macht mich nachdenklich. Und Sie sollte es das auch machen. Also sehen Sie die Tannenberg von mir aus als „schlechte Schrift“ an, wobei sie technisch natürlich perfekt gemacht ist, denn sie stammt ja von der Schriftgießerei D. Stempel AG. Aber sehen Sie sie nicht länger als „Nazi-Schrift“ an. Das ist einfach nicht wahr.


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Kommentare
1.     Ein sehr erstaunlicher Text. Ja, ich habe ihn schon richtig verstanden. Erst wollte ich schreibe, daß Sie vielleicht einiges am III. Reich gar nicht schlecht finden. Aber das ist es nicht. Sie erwarten, daß man die Geschehnisse damals nicht immer nur im Zusammenhang mit Nazi sieht, sondern auch losgelöst davon. Und damit dann auch erst einmal wertfrei? So etwa?
Gruss
Sven
  — Sven · 15. 11. 2009 ·
 
2.     Ein Schriftmuster beweist, daß Schriften angeboten wurden. Es sagt nichts über ihre Anwendung aus.

In der Diktatur, in der ich groß wurde, hat man für Transparente keine Schönschreibschrift verwendet. Die Transparente in den Straßen und an den Betrieben waren nicht aus Fraktur, nicht aus Anglaise gesetzt, die Schriften der DDR-Propaganda waren vorwiegend Serifenlose Linear-Antiqua und die Pinselschrift Reporter: "Jeder jeden Tag mit guter Bilanz", "Meine Hand für mein Produkt", "DDR -- unsere Heimat", "Alles zum Wohle des Volkes", "Für Frieden und Sozialismus -- Vorwärts zum XX. Parteitag der SED", "Betrieb der ausgezeichneten Qualitätsarbeit", "Jeder jedem Qualität!", "Wir wählen die Kandidaten der Nationalen Front", "Solidarität mit Nicaragua", "Arbeite mit! Plane mit! Regiere mit!", "Es lebe der Sozialismus", "Alle Kraft für die Stärkung der Arbeiter- und Bauernmacht!", "Je stärker der Sozialismus, desto sicherer der Frieden!", "So wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben", "Schöner unsere Städte und Gemeinden". Und so weiter und so fort. Ich hab das alles noch vor Augen. Weiße Schrift auf rotem Grund. Und genauso gab es auch in der Nazizeit eine Propaganda-Typografie. Wenn auch weniger einheitlich, weil um diese Zeit Antiqua und Fraktur noch nebeneinander existierten. Das feine Modemagazin "die neue linie" wurde mit Serifenloser ausgestattet, Romane erschienen in Fraktur und Antiqua, auch die Zeitungen und Magazine boten kein einheitliches Bild.

Aus der Legende von Schneidler, oben das letzte Bild, hat man keine Transparente gesetzt. Man hat sie vielleicht verwendet, um eine Seite in einem Buch schön herzurichten. Im Buch war auch in der DDR, deren Propaganda ich also aus eigener Erfahrung kenne, die Vielfalt größer als in den Propaganda-Drucksachen, das liegt in der Natur der Sache. Es gibt aber Schriften, aus denen wird man wohl kaum ein Honecker-Zitat finden: nämlich aus stark verzierten Schreibschriften und aus gebrochenen. In der Nazi-Zeit war die Fraktur noch Verkehrsschrift, eine von zweien, die Vielfalt war entsprechend größer, aber es gab eindeutige Vorlieben für die nationalsozialistische Propaganda, die sich auch änderten. Man wird viel finden, das irgendwie an die Antike erinnert, man wird ebenso viel finden, das "deutsch" wirkt, weil nur noch die Deutschen um diese Zeit die Fraktur verwendeten, und man wird einiges finden, das der neuen Sachlichkeit nicht fern ist. Das macht die verwendeten Schriften nicht unbrauchbar.

Die andere Seite ist die formale. Die Tannenberg und ihre geistigen Verwandten (National, Deutschmeister, Standarte, Großdeutsch und dergleichen) sind mißratene Schriften. Und zwar nicht wegen ihrer "Einfachheit", sondern weil sie grob zusammengeschustert sind. "Schlicht" sind auch manche gotischen Typen von Koch, aber sie sind nicht derartig roh und unhistorisch. Von all den Meistern damals verantwortet nicht einer eine dieser brachialen Schriften. Imre Reiner schuf 1933 die Gotika, eine sehr, sehr moderne Interpretation; Schneidler machte 1939 die traditionelle Zentenar-Fraktur, deren ästhetischer Wert nicht hinter der Walbaum- oder Unger-Fraktur zurückbleibt. Hiero Rhode machte 1938 die humanistische Humboldt-Fraktur. Schnörkellos wohl, aber nicht brachial. Die 1937 veröffentlichte Post-Fraktur ist eine sehr schlichte Type, aber die Striche haben kalligrafische Anmut, sie sind nicht wie mit der Axt zurechtgehauene Runen wie die oben genannten Mißgestalten. Daß diese Schriften in der Gebrauchsgrafik heute weitgehend geächtet sind, hängt mit ihrer Häßlichkeit zusammen, mit ihrem runenartigen "Schaftstiefelgrotesk"-Charakter. Man kann damit Horrorfilme ausstatten oder Kriegsromane, sie sind aber für jede geistvollere Anwendung nutzlos. Wie gesagt: nicht wegen einer politischen Verseuchung, sondern aus formaler Schwäche.
  Martin Z. Schröder · 16. 11. 2009 ·
 
3.     Jetzt wirds eng im Kommentarfeld ...

Ich muss doch auch noch meinen Senf zum Thema Tanneberg + Co. dazugeben ... und ich versuche es, ähnlich wie Martin Schröder, übers Formale.
Vorneweg: Ich mag die Rotunda und Schwabacher des 15.Jahrhunderts (offen, gerundet, also gut lesbar), finde durchaus auch eine Bibelseite aus strenger Textura reizvoll (obwohl schlecht lesbar) und ebenso die raumgreifende Verspieltheit barocker Frakturversalien, freue mich auch über die Spielarten gebrochener Schrift im Jugendstil, aber die Neugotischen der 30er Jahre mag ich tatsächlich nicht.
Reine Geschmacksache?
Bin generell keine Freundin streng konstruierter Schrift (Ausnahme: Adrian Frutigers Avenir). Bei den Serifenlosen bevorzuge ich diejenigen, die aus der Renaissanceantiqua entwickelt sind, wie z.B. Gill, Syntax, Agilita. Sie sind für mich nicht nur humanistisch, sie haben eine humane, eine menschliche Ausstrahlung.
Weil ich zu diesen langweiligen Spatienkackern (Verzeihung...) und nervig-pingeligen Buchtypografen gehöre, die ewig an Details feilen, die doch niemand sieht, habe ich natürlich entsprechende Vorlieben. Und hege Abneigungen. Deshalb mag ich weder (konstruierte) Groteskschriften so sehr, noch fette Neugotische. Sie sind mir einfach zu grob, zu undifferenziert, zu laut. Ihre kräftigen Grundstriche zeigen zwar die Herkunft aus der eigentlich wunderbaren Breitfeder, geben den Wörtern und Zeilen aber gerade in ihrer Vereinfachung etwas Starres, Hartes.

Gebrochene Schrift + Reformen:
Für mich ist Rudolf Koch derjenige, der sich am erfolgreichsten mit der Reformierung der gebrochenen Schrift in all ihren Facetten beschäftigt hat. Seine sog. Deutsche Schrift (Koch-Schrift) finde ich besser lesbar und humaner als Tannenberg + Co. Seine Wallau ist zudem die einzige funktionierende neue Rundgotisch. Die zart-zittrige Frühling-Fraktur ist nicht so mein Ding, aber Jessen, Claudius und Neuland finde ich kraftvoll und neuartig, jedenfalls bemerkenswert, Kabel und Koch-Antiqua sowieso.
Noch etwas finde ich genial: Rudolf Koch hat z.B. für Wallau, Jessen und seine neugotische Offenbach zwei Sätze Versalien entworfen: neben den gebrochenen Versionen auch Antiqua-Formen. Diese lassen eine Textseite heller, leichter und angenehmer wirken.

Dass für Lieschen Müller und Otto Normalverbraucher (und wie ich erfahren durfte, auch für den einen oder anderen hochgebildeten FAZ-Leser) alle gebrochenen Schriften Nazi-Schriften sind, finde ich bedauerlich. In den 1930er Jahren entstanden ja auch neue Antiqua- und Fraktur-Schriften von hoher gestalterischer wie technischer Qualität. Walter Tiemann entwarf z.B. die schöne Fichte-Fraktur (1936) und Schneidler die noch schönere Zentenar-Fraktur (1937). Zum Beispiel. Erneuerungsversuche in Sachen Gotisch gab es ganz nebenbei schon zu Zeiten des Jugendstils.
Als Lektüre empfehle ich Interessierten das Buch von Susanne Wehde:
Typographische Kultur. Eine zeichentheoretische und kulturgeschichtliche
Studie zur Typographie und ihrer Entwicklung. Niemeyer 2000.
Trotz des wissenschaftlich-spröden Untertitels und des Erscheinungsjahrs immer noch lesenswert (gerade bezüglich der deutschen Zweischriftigkeit) und insgesamt noch zu wenig bekannt. Die Autorin ist Literaturwissenschaftlerin, sie arbeitet ? im Gegensatz zu manchen Druckschrift-Spezialisten ? ohne Scheuklappen.

Mit bestem Gruß von Silvia
  — Silvia · 16. 11. 2009 ·
 
4.     Die magere Futura ist aber von einer empfindlichen, etwas spröden Zartheit, die ich nicht in Bezug zu den Tannenbergs setzen würde. Wiederum die digital nicht verfügbare Dreiviertelfette zeigt mehr Differenzierung im Strich als die Tannebergs, denen der Breitfeder-Duktus ausgetrieben wurde. Ganz überein stimme ich mit SW in der Bewertung der wunderschönen Rotunda, die wir leider zu selten sehen.

Ganz sicher hat Kraus recht, wenn er den Tannenbergs Zeitgeist zugesteht. Aber eben den unangenehmeren Teil, den nationalen und brüllenden, den anti-intellektuellen. Mir scheint, der Zeitgeist war differenzierter als heute, es gab mehr Bewegungen, die andere überzeugen wollten.

Die heutige Propaganda bezieht sich auf Produktwerbung, und wenn man den Versuch macht, einen Schritt zurückzutreten und sich die Sache mit Abstand anzusehen, wird man eine schlichtere Formsprache erkennen als in den 20er und 30er Jahren, weil manche Schriftformen ganz fehlen.

So auch in den Medien. Die Abschaffung der Fraktur in der FAZ hat das Bild weiter vereinfacht. Die Schutzumschläge vieler unserer Bücher sind von blöder Gleichmäßigkeit. Belletristische Romane müssen Fotos, Gemälde und gesperrte Minuskeln aus Renaissance-Antiqua auf dem Schutzumschlag tragen. Die Gebrauchsgrafiker haben das Zeichnen verlernt, was den individuellen Ausdruck zurückdrängt, auch wenn scheinbar durch das Schriftenangebot die Möglichkeiten größer wurden. Und die Gebrauchsgrafik wird von der Marktforschung stärker bestimmt als vor 90 Jahren.

Die Assoziation der Tannenbergs ("schlichte Gotisch" würde ja auch viele schöne Schriften umfassen, deshalb nehme ich Tannenberg mal als Kategorie) zum Nationalsozialismus ist nicht ganz falsch. Ob man das Wort "Deutschland" in Tannenberg oder in Gilgengart setzt und in schwarz auf weiß druckt, zeigt den geistigen Unterschied. Wenn man einen Tannenbergartige von ihrer Grobheit und ihrer ideologischen Assoziations-Vergiftung befreien wollte, müßte man sie in Blau auf Orange für ein alkoholfreies Getränk einsetzen. (Wozu sollte man das tun?) Kaum eine Schrift ist so belastet. Und ich finde es nicht bedauerlich. Häßliche Schriften können ruhig untergehen. Die Wahl zwischen den schönen Schriften ist schwer genug.
  Martin Z. Schröder · 17. 11. 2009 ·
 
5.     Jeglich Diskussion ob dies oder das eine Nazischrift ist oder nicht finde ich eigentlich mittlerweile überflüssig. Ob Schriften oder andere Symbole. Es ist nun mal so dass sich die Nazis alle möglichen Dinge zu eigen gemacht wie es auch andere mehr oder weniger radikale Regierungen überall in der Welt gemacht haben und immer noch tun. Beispielsweise hat sich Hitler und Co. auch die Symbolik der Pfadfinderbewegung für die Jugend zunutze gemacht. Die Pfadfinderkluft wurde mißbraucht für die Hitlerjugend. Ich habe selbst in meiner Jugend noch erlebt wie in Folge des Mißbrauchs ich als Georgspfadfinder von Leuten im In und Ausland angefeindet wurde obwohl die Pfadfinderbewegung gerade das Gegenteil von dem ist und war wie die von denen die Symbolik mißbraucht wurde. Schließlich sind genug Pfadfinder im KZ geendet weil Sie sich widersetzt haben. Später wurde die Kluft in Teilen in der DDR von der FDJ widerum mißbraucht. Von daher finde ich kann man durchaus über Ästethik der einen oder anderen gebrochenen Schrift diskutieren. Aber keine hat es verdient von vornherein in eine rechte oder linke Ecke abgeschoben zu werden. Selbst Georg mit seinem Preußischen Bleisatz-Magazin hat ja permanent damit zu kämpfen nicht immer in eine rechte Ecke abgeschoben zu werden nur weil er ab und zu mal laut nachdenkt. Leute die da sehr vorschnell eine Sache oder eine Person in eine Ecke rücken machen im Grunde nichts anderes als die damals getan haben. Sie denken nicht nach. Persönlich finde ich durchaus das es schönere Schriften als die Tannenberg gibt. Aber das ist Geschmacksache und ich würde die Schrift von der ich durchaus einige Schnitte in meinem Bestand habe deswegen nicht wegwerfen. Es gibt durchaus Dinge zu denen Sie auch heute noch passt. Gott grüß die Kunst!
  — Rudi Beck · 17. 11. 2009 ·
 
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