Nach meiner Schriftsetzer-Lehre im Bleisatz und zwei Gesellenjahren habe ich mich zum Photosetzer weiterbilden lassen: Diatype und Staromat, CompuGraphic, Berthold, Linotype Fotosatz-Anlagen — mit diesen Geräten verdiente ich meinen Lebensunterhalt. Um allen (falschen) Nostalgie-Gefühlen vorzubeugen: Für mich als Bleisetzer war das damals eine Art sozialer Aufstieg. Kein endloses Stehen mehr in der Bleisatz-Gasse, sondern Arbeiten im Sitzen. Kein grauer Kittel, keine schmutzigen Hände und keine elende Schlepperei der bis zu 50 kg schweren Bleisatz-Druckstöcke mehr - stattdessen saubere Schreibtische mit Bildschirmen. Wir waren Facharbeiter und wollten vorankommen — und das gelang uns auch. Nach einigen Jahren in der Layoutsetzerei bei der Grafischen Werkstatt, Düsseldorf wechselte ich zur Zeitung. Und diesem Metier bin ich bis heute in tiefer Liebe verbunden. Beim Düsseldorfer Verlag e.r. medien produzierten wir die ZaS (Zeitung am Sonntag), eine Wahlkampf-Zeitung der SPD, gedruckt in immens hohen Auflagen an bundesweit verteilten Druckorten wie dem Druckzentrum Hagen oder in Neu-Isenburg. Eine verrückte Sache war das damals. Technisch waren wir in der Druckvorstufe bestimmt um zehn Jahre dem Markt voraus. Wir verfügten über unsere eigene Software und speziellen Satzprogramme für den Ganzseiten-Umbruch (die habe ich geschrieben), mieteten Rechnerzeit bei der TAZ, die damals noch auf der Wattstraße im Wedding Berlins ihren Sitz hatte. Und produzierten dort sechs Wochen lang diese Wahlkampfzeitung. Chefredakteur war Wolfgang Clement. Das war wirklich ein alter Zeitungsfuchs, dem niemand etwas vormachen konnte. 1985 bewarb ich mich auf Empfehlung des EDV-Leiters der WAZ in Essen bei Atex — dem damals führenden Anbieter für Druckvorstufen-Systeme im Zeitungs- und Zeitschriften-Markt. Daraus wurden dann meine spannendsten und befriedigendsten Berufsjahre. Etwas über fünf Jahre durfte ich in die halbe Welt reisen, vor Ort bei Zeitungen wie der London Times oder dem Standard in Wien arbeiten, war Projektleiter für Bertelsmann und die WAZ... und ich bekam sogar noch Geld dafür. Neben dem hochinteressanten Metier lag es vor allem am Führungsstil bei Atex, der durch Hermann Schmidt, unserem Geschäftsführer geprägt war, daß sich wohl jeder Ex-Atex'ler gern an seine Zeit dort zurück erinnert. Also auf diesem Wege: Einen Gruß an alle Atex-Kollegen, die es mittlerweile über die halbe Welt verstreut hat. (Einige davon haben sich im Laufe der letzten Jahre in meinem Gästebuch verewigt. Das war mir eine große Freude.) 1993 habe ich mich dann selbständig gemacht. Und — das Leben spielt manchmal so — landete in „artfremder" Branche. Aber ich fühlte mich immer dem Graphischen Gewerbe tief verbunden und sammelte seit 2002 Bleisatz-Schriften und -Gerätschaften. Mit 50 zieht ein Mann Bilanz. Bin ich eigentlich zufrieden? Was will ich vom Leben? Ich fand für mich heraus: Ich möchte das Arbeiten in der Druckvorstufe wieder zu meinem Beruf machen. Nein, nicht ausschließlich mit dem Ankauf und Verkauf von Bleisatz- und Buchdruck-Artikeln. Das ist nur der Anfang — der mir aber sehr viel Freude bereitet. Wohin mich dieser Weg führen wird? Ja, darauf bin ich auch sehr gespannt. Mittlerweile finden Sie ja auf meiner Netzseite Angebote genug. Aber es werden noch mehr werden. Ende 2006 suchte ich neue Räume. Und landete in der alten Papiermühle in Ratingen-Ost, in der Bagel-Druck im Flexodruck Endlos-Etiketten produziert. Meine anfängliche Euphorie über den idealen Platz ist heute, drei Jahre danach, einer realistischen Einordnung gewichen. Der Standort ist für meine Belange durchaus geeignet, aber er hat auch einige Nachteile. Man wird sehen, was die Zukunft bringen wird. Man darf sich nicht auf einen Ort fixieren. Und leer stehende Hallen nebst entsprechenden Räumen gibt es in Deutschland tatsächlich wie Sand am Meer. Aktuell ist der Standort soweit in Ordnung. Heute setze ich also nun in den Räumen der Papiermühle. Ich bin... ja, ich bin jetzt angekommen. Ich habe mich gefunden. Ich bereue (fast) nichts, was in den letzten Jahrzehnten geschah. Und das, was ich bereue, kann ich leider nicht mehr ändern. Hier möchte ich alt werden, sofern Er da oben nicht andere Pläne mit mir hat. Ach, was soll ich noch erzählen? Kommen Sie doch gelegentlich einfach einmal vorbei. Ich lade Sie zu einer guten Tasse Kaffee ein und zeige Ihnen das Preußische Bleisatz-Magazin. Gott grüß die Kunst Georg Kraus
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